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Betrug am Leser! Spannungskiller 50% und wie du als Autor ihn vermeidest - Teil 2

 

Im ersten Teil (Link zu Teil 1) haben wir herausgefunden, warum die lieben Mitspieler das Spielbrett durch den Raum schleuderten, die Karten fraßen und Headshots mit Würfeln verteilten. Die gleiche Ursache kann auch deine Leser treffen.

 

Unbeabsichtigt, aber mit voller Härte. Betrug!

 

Es passiert Autoren schneller als ihnen lieb ist und sorgt beim Leser für Zerstörungsfantasien am Buch. Wie erkennst du, wenn du deine Leser "versehentlichen" hintergehst? Und wie lässt es sich verhindern, dass der Leser mit deinem Roman ein Lagerfeuer im Wohnzimmer anzündet?

 

Was bedeutet 50% Gewinnchance im Roman?

 

Auf den Punkt gebracht bedeutet es: Zufällige Ereignisse. Schreibratgeber schlagen häufig vor, den Zufall in deinen Geschichten auf ein Minimum zu reduzieren. Ich gehe einen Schritt weiter und sage: »Töte jeglichen Zufall!«

 

Warum? Dazu gleich. Gehen wir zunächst noch genauer auf die 50% Gewinnchance im Roman ein.

 

Wenn der Held durch Zufall einen Erfolg erlebt, ist es, als hätte er mit dem Oberbösewicht eine Münze geworfen und der Gewinner erhält einen Punkt. Was sind solche Zufälle?

 

Beispiele:

1) Der Held muss eine Tür knacken und hat zufällig eine Haarspange dabei. Weder wusste er, was auf ihn zukommt noch hat er lange Haare.

 

2) Die Heldin ist die schlechteste Schützin der Welt, aber trifft den Schurken dank eines Querschlägers. (In Komödien vielleicht sehenswert, geschenkt.)

 

3) Der Held ist gefangen und zufällig haben die Kidnapper ein Messer in erschwinglicher Nähe liegen gelassen.

 

Und das schlimmste Beispiel von allen:

4) Der Schurke holt zum Todesschlag aus und in allerletzter Sekunde (ja es muss die "aller"letzte Sekunde sein ;p ) kommt ein Samariter und rettet die Heldin, den Sidekick oder wen auch immer.

 

Warum ist es so schlimm?

 

Achtung! Ich hole aus.

 

Wenn wir eine Geschichte verfolgen, wollen wir entweder uns daran ergötzen, wie der Held alle elegant umlegt oder wie er durch die Scheiße kriecht und seine Erfolgsaussicht im einstelligen Prozentbereich liegt. Aber keiner will in einer Geschichte, dass der Held wegen einer Münzwurfsituation Gewinnt. Keiner!

 

Geschichten sind nicht ohne Grund ein allzeit ungebrochener Kassenschlager. Jede Erzählung ist eine Lektion, ein Erfahrungsbericht. Selbst die fiktiven und vielleicht gerade die fiktiven. Aber Geschichten sind für dich nur Unterhaltung? Du willst nichts lernen, sondern bespaßt werden? Glaube ich dir, aber zur Hälfte Falsch.

 

Dein Bewusstsein will unterhalten werden. Da hast du recht. Aber warum greifen wir dann so häufig zu Geschichten, wenn es doch eine Trilliarde anderer Möglichkeiten gibt sich billig Glückshormone zu beschaffen? Statt einen Film mit seinem Partner / Partnerin auf der Couch zu schauen, könnte man das Sexleben neu aufleben lassen. Warum gerade Geschichten?

 

Es ist der elementarste Grund in deinem Unterbewusstsein. Du willst überleben. Dein Hirn saugt wissbegierig jede Information auf, die ihm dabei helfen kann zu überleben und glücklich zu Leben. Das Unterbewusstsein weiß, es kann jederzeit alles passieren. Daher will es auf alles vorbereitet sein. Leider durchlebt der einzelne von uns nicht genügend Situationen, um ausreichend Erfahrung sammeln zu können. Und da kommen die Geschichten ins Spiel.

 

Eine Geschichte zu konsumieren hat gleich zwei Vorteile. Zum einen, wir erleben Konflikte, denen wir noch nicht gegenüberstanden oder vielleicht doch. Ganz gleich. Sind es neue Konflikte, wollen wir wissen, wie sie zu lösen sind. Bei bekannten Reibereien ergänzen wir unseren Erfahrungsschatz um weitere Herangehensweisen.

 

Der zweite Vorteil, und der ist entscheidend, wir erleben die Konflikte aus sicherer Distanz. Es tut nicht weh. Geschichten ermöglichen es uns Lebenserfahrungen ohne Konsequenzen sammeln zu dürfen. Wie brutal der Kampf ums Überleben auch ist, wir bluten nicht. Das Kind der Protagonisten verbrennt, unseres schläft zu Hause im Bett.

 

Genau darum sind zufällige Ereignisse in Geschichten für uns so schlimm. Unterbewusst will jeder von uns etwas Neues lernen, etwas Handfestes mit nach Hause nehmen, was das eigene Leben bereichert. Ereignet sich ein nicht erklärter Zufall, fühlen wir uns um unsere Sehnsucht betrogen.

 

Wie vermeidest du diesen Betrug?

 

Zu aller erst solltest du dir bewusst werden: Zufälle gibt es nicht. Nicht im realen Leben, nicht im Universum.

 

Im Moment des Geschehens kommt es uns vor, als hätten wir gerade Glück oder Pech, weil wir nur unsere eigene "Storieline" kennen. Aber alle anderen Beteiligten dieser Situation haben ebenfalls eine "Storieline" und wenn alle zusammengenommen betrachtet werden, dann ergibt sich ein logisches und erklärbares Bild. Statt von Zufall könnte man auch von Fügung sprechen. Kein Hokuspokus, sondern eine Aneinanderreihung von Entscheidung und Handlung. Würde bei einem der Beteiligten auch nur eine einzige Entscheidung anders getroffen, eine Handlung anders ausgeführt worden sein, dann wäre es nie zu diesem einen Glücksfall gekommen. Was lernst du daraus für deinen Roman?

 

Jede einzelne deiner Szenen, sogar jede einzelne Handlung der Figuren muss für den Leser logisch nachvollziehbar sein. Auch wenn es "nur" unterbewusst geschieht, der Leser soll das Konstrukt der Aneinanderreihung von Entscheidungen und Handlungen aller beteiligten Figuren klar vor Augen haben. Ob es dir in deiner Geschichte gelungen ist, kannst du ganz einfach prüfen.

 

Stelle deinen Testlesern die Warum-Frage. »Warum hat Figur "X" in Szene "Y" zum Protagonisten "Z" gesagt?« Kann dein Leser es dir erklären? Wenn ja, Glückwunsch, alles richtig gemacht. Wenn nicht, hier ein paar Denkanstöße.

 

Greifen wir die vier Beispiele für Zufallssituationen, bzw. 50% Gewinnchancen, noch einmal auf.

 

1) Die zufällige Haarspange in der Tasche, um die Tür zu knacken.

Lösungsansatz: Der männliche Protagonist hat eine kriminelle Vorgeschichte und eine Tochter. Im Treppenhaus vor seiner Wohnung findet der Protagonist eine Haarspange seiner Tochter auf dem Boden und steckt sie in die Hosentasche.

 

2) Der alles entscheidende Querschläger.

Lösungsansatz: Tu so etwas nicht! Wenn Glück alles ist, was deiner Protagonistin den Sieg bringt, dann lass es.

 

3) Der Kidnapper vergisst sein Messer beim Gefangenen.

Lösungsansatz: Blutdurstig spielt der Schurke mit seinem Messer vor der Protagonistin. Da stürmt das SEK-Team das Gebäude und Schüsse fallen. Der Schurke wirft sich, um nicht getroffen zu werden, auf den Boden. Mit beiden Händen greift er zu seinem Sturmgewehr und ballert drauf los. Dafür musste er das Messer aufgeben. Zum Wegstecken hatte er keine Zeit. Das Messer liegt in Reichweite der Füße der Protagonistin.

 

4) Samariter in letzter Sekunde.

Für dieses Beispiel greife ich auf ein Prinzip als Lösungsansatz zurück. Und zugegeben, solche Szenen kommen auch in meinen Geschichten vor. Allerdings achte ich immer darauf, dass die "Rettung in letzter Sekunde" nicht das spannendste an der Szene ist. Ich plotte nach dem Prinzip "Handlung vor Spannung". Eine Szene zu schreiben, nur um Spannung aufzubauen, bewirkt meist das Gegenteil. Lieber lasse ich etwas passieren, was die Handlung vorantreibt. Das erzeugt Spannung. Wenn ein Samariter in letzter Sekunde zur Rettung heranschreitet, dann muss es Folgen für die Figuren haben. Zum Beispiel: den Retter treffen schlimme Konsequenzen, die sich später noch verehrend auswirken oder die Rettung zeigt eine Charakterentwicklung oder ...

Was auch immer du dir einfallen lässt, sei dir gewiss: alles in der Szene ist spannender als die Rettung in letzter Sekunde an sich.

 

Bonustipp

 

Du musst dem Leser nicht immer alles erklären. Manchmal reicht es, dass du als Autor weißt warum es geschah wie es geschah. Wenn du dieses Wissen hast, dann kannst du es auch glaubwürdig schreiben ohne jedes Detail aufführen zu müssen. Der Leser wird es merken und dir weiterhin sein Vertrauen schenken. Wenn es notwendig ist, kannst du die Details immer noch zu einem späteren Zeitpunkt erklären.

 

Welche Geschichte hat dich zuletzt betrogen? Welches Buch hattest du zu Letzt in den Händen und hättest am liebsten in die Seiten hinein geschrien, weil der Autor schlechter plottet als du selbst es hättest tun können? Nutze die Kommentarfunktion und berichte davon, damit nie mehr jemand solch einfallslose Plots lesen muss.

 

Lebe deine Leidenschaft,

 

Dein Viktor

 

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