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Der einfachste Weg Figuren zu erschaffen

 

Antiheld.

 

Ein Held, der nicht immer nur Gutes tut und dem Regeln häufig egal sind.

 

Mit diesen wenigen Worten habe ich angefangen in deinem Unterbewusstsein eine Figur zu erschaffen. Glaubst du ich lüge dich an? Erforsche dich! Gib deiner Vorstellung ein Gesicht. Überrascht, dass es deinem ähnelt? Ich nicht. Gehen wir dem auf den Grund. Warum beflügeln Antihelden dermaßen und warum wollen uns Antischurken nicht mehr aus dem Kopf gehen?

 

Legen wir das Wort "Antiheld" einmal unter die Lupe.

 

"Anti" Gegen, gegenüber, entgegen.

"Held" Eine Person, die außergewöhnliches vollbringt und seinen Mitmenschen dadurch etwas Gutes tut.

 

"Antiheld" ist wortwörtlich ein spannendes Wort. Es ist ein Gegensatz in sich. Zu einer Hälfte ist es uns mehr als bekannt und andererseits verwirrt es. Ist ein Bösewicht, der nur an einem Tag im Jahr etwas Gutes tut, ein Teilzeitheld? Oder ist es doch eher ein Antischurke, wenn die Figur gelegentlich etwas nettes für jemanden anderen macht? Verwirrend. Willst du mehr darüber erfahren? Dann bist du dem Konzept spannender Figurenentwicklung auf den Leim gegangen. Aber im Grunde ist es kein Konzept. Es ist ein Spiegel der menschlichen Seele.

 

Ein Antiheld ist wie die Personifizierung des chinesischen Zeichens "Yin & Yang". Und genau daraus leitet sich die einfachste (und meiner Meinung nach beste) Methode ab, spannende Charaktere zu erschaffen.

Yin & Yang

Die Yin & Yang Methode, wie funktioniert sie?

 

Entferne dich von deinen Gedanken zu Gut und Böse. Darum soll es hier nicht gehen. Das Symbol Yin & Yang ist unterteilt in zwei Flächen. Weiß und Schwarz. Ignorieren wir vorerst die Punkte darin und geben jeder Farbe eine Zuordnung. Weiß = nachvollziehbar/gewöhnlich und schwarz = nicht nachvollziehbar/ungewöhnlich. Jetzt lösen wir die beiden Flächen von ihren Farben und ordnen sie neu zu. Dafür klassifizieren wir die eine Hälfte als "Agieren" und die andere als "Problem".

 

Zusammengefasst: Wir haben nun einen Kreis, der eine Figur darstellt und darin zwei Flächen. Eine davon repräsentiert, wie die Figur agiert (Denken und Handeln) und die andere, mit was für Problemen sie sich auseinandersetzen muss. Nun kommen die Farben zurück in Spiel und es ergeben sich vier Möglichkeiten den Kreis anzupinseln.

 

(Problem - Agieren)

1. Weiß-Weiß

2. Schwarz-Schwarz

3. Weiß-Schwarz

4. Schwarz-Weiß

 

Was sagen diese vier Bilder über die Figur aus?

 

Schauen wir uns zunächst die vier Varianten an. Wie sind sie aufgebaut, was macht sie aus?

 

Schicht 1:

 

Weiß-Weiß

Fangen wir mit der unspektakulärsten Kombination an. Das Problem der Figur ist nachvollziehbar und gewöhnlich. Genauso wie ihr Agieren. Beim Wort "gewöhnlich" sollten sich bei allen Autoren die Nackenhaare aufstellen. Gewöhnlich bedeutete langweilig. Niemand will etwas gewöhnlich Langweiliges lesen! Dennoch gibt es sehr viele Figuren mit diesem Bild und das ist auch gut so.

 

Schwarz-Schwarz

Das Gegenteil der ersten Variante ist nicht das Gegenteil von Langweilig. Das wäre zu einfach. Es ist bizarr. Diese Kombination beschreibt eine Figur, die ungewöhnliche Probleme hat und darauf ungewöhnlich handelt.

Beispiel: In der Zimmerwand der Figur steckt ein Schraubenzieher. Die Figur nimmt einen Hammer und schlägt den Schraubenzieher durch die Wand hindurch, damit er auf der anderen Seite herausfällt.

Erstens: Warum steckt das Werkzeug in der Wand? Und zweitens: Warum zieht er es nicht einfach heraus? Die gesamte Handlung ist befremdlich. Weder ist dem Leser das Problem geläufig (ich hoffe, dass es so ist), noch die Herangehensweise. Aber auch von diesen Charakteren gibt es mehr als genug und auch sie haben ihre Berechtigung.

 

Weiß-Schwarz

Der Prototyp eines klassischen Helden. Die Figur hat nachvollziehbare Probleme und agiert auf ungewöhnliche und überraschende Weise. Genau das wollen wir lesen und sehen. Durch die Herangehensweise des Helden wollen wir lernen, mit einem ähnlichen Problem zurecht zu kommen (mehr dazu kannst du in meinem Beitrag "Betrug am Leser!" lesen).

 

Schwarz-Weiß

Ein Außenseiter durch und durch. Das Problem dieser Figur kann einfach nicht verstanden werden. Anstatt diese Merkwürdigkeiten zu beseitigen, verhält sie sich gewöhnlich und geht unter. Nehmen wir Otis, den Protagonisten aus der Serie "Sex education". Otis ist ein Teenager mit Masturbationsproblemen. Seine Bemühungen, dieses Problem zu beseitigen sind, sagen wir mal amüsant, aber alles andere als Zielführend. Er beginnt es in die Hand zu nehmen, aber gibt sogleich wieder auf. Wenig verblüffend, spiegelt sich sein "Versagen" im Umgang mit der Gesellschaft wider.

 

Wie kannst du diese vier Bilder nutzen, um Figuren für deine Geschichte zu erschaffen?

 

Bei dem Thema Protagonisten und Figuren fällt häufig der Begriff "Identifikation". Der Leser soll sich mit den Figuren identifizieren können, damit er sie in sein Herz schließen kann. Nicht umsonst suchen wir uns in der Regel Freunde aus, die uns in gewisser Weise ähnlich sind. Wie können wir nun die vier Bilder dafür nutzen, damit der Leser fiktive Freundschaften schließt oder bestimmte Figuren hasst.

 

Schicht 2:

 

Weiß-Weiß

Vollkommene Identifikation. Die Figur hat mir geläufige Probleme und agiert ähnlich, wie ich es tun würde. Ja, das ist langweilig. Aber der Leser ist bereit der Figur unter bestimmten Voraussetzungen zu folgen. Wenn die Figur nicht spannend ist, dann muss es die Welt drumherum sein. Entweder das Umfeld an sich ist spannend genug, damit der Leser dran bleibt oder das Auslösende Ereignis sollte sehr zügig eintreffen.

(Mehr zum Auslösenden Ereignis und zur Plotstruktur kannst du hier in einem meiner Beiträge lesen.)

 

Schwarz-Schwarz

Erinnerst du dich an den Typen mit dem Schraubenzieher und dem Hammer? Da wir es weder für realistisch halten, dass uns sein Problem je vorkommt noch, dass wir ähnlich agieren würden, führt zur Ablehnung. Im Extremfall zur Verachtung. Mir ist kein Protagonist bekannt, der in dieses Bild passen würde. Dafür gibt es unzählige Antagonisten, die so aufgebaut sind, damit wir sie sofort als Feind identifizieren können. Sollte sich doch jemand an solch einen Protagonisten versuchen, würde ich dazu raten, die Umwelt so gewöhnlich wie möglich zu gestalten. Ihm vielleicht einen sympathischen Freund an die Seite stellen.

 

Weiß-Schwarz

Nicht umsonst bezeichnete ich dieses Bild in Schicht 1 als Prototypen eines Helden. Solche Figuren sind Vorbilder und Lehrmeister. Sie lassen es zu, dass ich mich mit ihnen identifizieren kann, weil das Problem nachvollziehbar ist. Drache klaut Prinzessin. Drache muss besiegt und Prinzessin gerettet werden. Solchen Helden schauen wir gerne dabei zu, wie sie das "Böse" besiegen und dabei auch noch bekommen wonach sie im innersten ihres Herzens streben.

 

Schwarz-Weiß

Ich komme nicht drumherum. Bei diesem Bild habe ich immer Harry Potter vor Augen. Sein Problem ist ungewöhnlich, denn er lebt unter der Treppe im Haus seiner Verwandten, die ihn verachten. Dabei will er nichts sehnlicher, als ein normaler Junge sein und auch als solcher behandelt werden. Allerdings schafft er es nicht, sich aus dieser Rolle zu befreien. Im Gegenteil. Stattdessen häufen sich die Merkwürdigkeiten um ihn herum und bringen nur noch weitere ungewöhnliche Probleme mit sich. Der Leser entwickelt schnell Mitleid mit Harry und ein Grad der Identifikation tritt auf. »Der Protagonist handelt genauso normal, wie ich. Schlimm, dass es auch solche Treffen kann. Also könnte es auch mich treffen.«

 

Wie kannst du eine Figur mithilfe dieser Bilder lebendig und spannend gestalten?

 

Vorab eine kleine Geschichte. Vielleicht kennst du sie bereits. Den Titel lasse ich bewusst weg, genauso wie viele Details, weil ich nicht die Moral der Geschichte hervorheben möchte. Vielmehr geht es mir um die Handlung selbst.

 

Eine Tochter kommt zu ihrem Vater und klagt darüber, wie hart das Leben sei. Sie könne nicht mehr. Sie ist am Ende. Der Vater hört geduldig zu. Nachdem der Tochter nichts mehr einfällt, worüber sie sich auslassen kann, bittet sie ihren Vater um einen Ratschlag. Stattdessen steht er auf und holt einen Kochtopf.

Irritiert beobachtet die ihn. Er lässt Wasser in den Topf und stellt ihn auf den Herd. Die Tochter betont, sie hätte keinen Hunger. Sie wolle lediglich von ihm wissen, wie sie ihr Leben verbessern könne. Aber ihr Vater hantiert weiter mit den Küchengeräten.

Das Wasser Kocht und er legt ein Ei, eine Kartoffel und eine kleine Filtertüte Kaffee hinein. Er wartet. Sie wird ungeduldig und ärgert sich.

Nach einer Weile dreht ihr Vater den Herd ab und bringt den Topf zur Tochter an den Tisch. »Hier, sieh. Das kochende Wasser war für alle Zutaten gleich. Am Anfang war das Ei weich, jetzt ist es hart. Die Kartoffel war hart, nun ist sie weich. Und die Kaffeebohnen, sie sind von außen immer noch gleich. Aber sie haben das Kochwasser verändert. Es ist nun braun und hat einen anderen Geschmack.«

 

Eine vielsagende Geschichte, nicht wahr? Wenn wir die Moral beiseite schieben, die eine bestimmte Zutat in den Vordergrund stellt, bleibt eine Konstante: Entwicklung. Sich mit den vier Bildern der Yin & Yang Methode auseinanderzusetzen ist sinnlos, wenn nicht die Entwicklung der Figur berücksichtigt wird. Und jetzt wird es Komplex. Zudem kommt unser Antiheld wieder zurück.

 

Ich hatte begonnen dir die vier Bilder in Schichten aufzuzeigen. Diese Schichten können unendlich weitergesponnen werden, bis eine Mehr"schichtige" Figur daraus entsteht. Aber die Realität besteht aus vielen Dimensionen. So auch unsere Figuren. Stell dir folgendes vor:

 

Erschaffe in deinen Gedanken eine Kugel. Gib ihr das Aussehen von Yin & Yang. Diese Kugel, diese Dimension, spiegelt die oberflächlichen (die sichtbaren) Probleme und das äußere Agieren (Denken und Handeln) deiner Figur.

Lasse nun in dieser Kugel eine weitere heranwachsen. Sie ist ebenfalls schwarz-weiß und repräsentiert das Innere der Figur. In ihr findest du die verborgenen Probleme und Wünsche. Sie ist der Keim, des äußeren Agierens. Gehen wir weiter.

Eine weitere Kugel kommt hinzu. Sie umhüllt die erste und ist, wie du es dir denken kannst, in den Farben von Yin & Yang angemalt. Diese dritte Kugel zeigt die Umwelt der Figur. Zwischen allen drei Kugeln (Schichten) herrscht ein reger Austausch. Sie alle beeinflussen sich gegenseitig. Damit nicht genug. Kommen wir zum wirklich komplexen Teil.

Wir fangen von außen an. Die Umwelt besteht aus einer nicht zählbaren Menge von Einflüssen. Menschen, Tiere, Wetter, etc. Jede einzelne dieser Einflussfaktoren erhält nun in der Hülle der Umweltkugel eine eigene Yin & Yang Kugel. Auch hier steht alles in wechselseitiger Beziehung. Fahren wir mit der Verwirrung fort.

Wenn du es geschafft hast dir ein Konstrukt von diesen unendlichen vielen "Ineinanderkugeln" vorzustellen, dann packen wir noch ein paar mehr rein. Denn in der zweiten Kugel/Schicht (äußere Figur) wächst nun für jeden Gedanken und jede Handlung ebenfalls eine weitere schwarz-weiße heran. Und in der innenliegenden dritten Kugel (tiefste Wünsche und Sehnsüchte) wachsen ebenfalls für jeden Wunsch und jede Sehnsucht eine weitere heran. Es ist ein nie enden wollendes Konstrukt, weil es vom Kern, über die Füllung bis hin zur Hülle beständig wächst.

Jeden Tag werden Menschen geboren. Menschen sterben und selbst das beeinflusst uns. Immerzu Agieren wir auf sich beständig verändernde Situationen. Dann sind da auch noch unsere Wünsche und Sehnsüchte. Jeder kennt es: Ist ein Wunsch erfüllt, entstehen mindestens zwei neue. Mit den Sehnsüchten verhält es sich nicht viel anders. Kommen wir zurück zum Antihelden.

 

Wo ordnen wir diese besondere Klasse von Held ein. Ich glaube es ist klar, dass er sich im Schwarz-Weiß oder Weiß-Schwarz Bild wiederfindet. Aber das Bild an sich repräsentiert nicht die Klasse des Antihelden. Der Antiheld steckt eine Schicht tiefer in diesem Bild.

 

Viktor, jetzt komm endlich zum Punkt!

 

Okay, okay. Ich versuche all meine angerissenen Gedanken zusammenzuführen.

 

Wir können die vier Bilder der Yin & Yang Methode nutzen, um schnell eine Vorstellung von einer Figur zu bekommen, selbst wenn sie erst nur aus einem einzigen Gedanken besteht. Dabei haben selbst die Varianten Weiß-Weiß und Schwarz-Schwarz ihre Daseinsberechtigung. Du, als Autor, kannst es benutzen, um dem Leser schnell aufzuzeigen, wie er diese Figur auffassen soll. Identifikation ja/nein = mögen ja/nein. Das war der erste Schritt.

 

Eine Geschichte braucht einen "gewöhnlichen" Part und einen "ungewöhnlichen". Zum einen wollen wir uns mit ihr Identifizieren und zum anderen mit etwas neuem konfrontiert werden. Das Weiß-Weiß Extrem ist schnell langweilig und das Schwarz-Schwarz führt zu Abstoßung. Ich hoffe du hast noch das Konstrukt der unendlich vielen Kugeln im Kopf. Mit ihnen kannst du jetzt spielen.

 

Kaum etwas ist interessanter als Entwicklung. Ist eine deiner Figuren Weiß-Weiß oder Schwarz-Schwarz, dann lass die Außen- und Innenwelt der Figur sie zu einer zweifarbigen Veränderung führen. Umgekehrt genauso. Ist etwas in der Außenwelt einer Figur (z.B. der Antagonist) einfarbig, dann lass sie es ändern bzw. gib dem Leser die Möglichkeit hinter die Fassade der platten Oberflächen zu blicken. Verstehst du langsam den Reiz des Antihelden?

 

Weiß-Weiß und Schwarz-Schwarz ist Chaos. Weiß-Schwarz und Schwarz-Weiß sind Ordnung. Alles auf dieser Welt, quatsch, alles in diesem Universum strebt nach Ordnung. Selbst du. Du willst Ordnung in deiner Umgebung, Ordnung in Form von unendlichen vielen Gegensätzen. Die kleinsten Teilchen der Atome bestehen aus sich zwei entgegengesetzten und somit anziehenden Bestandteilen. So auch die Umwelt, so auch du. Du bist nicht gut oder böse. In der einen Sekunde überschreitest du die vorgegebene Verkehrsgeschwindigkeit und in der anderen hilfst du einer Oma über die Straße.

 

Nun bist du dran. Nimm ein Buch das dir sehr gefallen hat und eines, dass du unglaublich schlecht fandst. Versuche den Figuren eine der vier Bilder zuzuordnen. In der guten Geschichte solltest du viele mehrfarbige Figuren wiederfinden und in der schlechten viele einfarbige. Teile deine Erkenntnisse mit uns. Nutze die Kommentarfunktion und analysiere, für dich und für uns, warum die jeweilige Geschichte für dich gut oder schlecht war.

 

Lebe deine Leidenschaft,

 

Dein Viktor

 

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