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Du willst treue Leser? Dann lehre sie deine Texte zu fürchten

 

»Ich hatte Angst umzublättern.«

 

Wenn du deine Leser das sagen hörst, dann hast du als Autor dein Ziel erreicht.

 

Warum?

 

Ganz einfach. Dein Text ist so verdammt gut, dass du die Konvention der Seitenzahlen brichst.

 

Der Leser freut sich nicht auf die vielen Seiten die da kommen, er fürchtet sich vor ihnen, wie ein Kind Monster unter seinem Bett.

 

Aber genau das willst du!

 

Es ist wie bei einem Unfall. Der gesittete Mensch weiß: »Nicht hinschauen, nicht den Verkehr aufhalten und nicht die Rettungskräfte behindern.« Warum muss er sich das bei jedem einzelnen Blechschaden immer wieder sagen?

 

Weil wir alle Gaffer sind.

 

Und das ist noch nicht alles.

 

Wenn wir nicht wissen was im Dunkeln lauert, dann müssen wir es um jeden Preis in Erfahrung bringen. Selbst wenn es das Leben kosten sollte. Oder dass eines anderen. Und hast du dich im Griff und schaust nicht nach. Dann verfolgt dich diese eine Frage dein Leben lang: »Was zum Teufel war da?«

 

Warum ist das gut für deinen Roman?

 

Schauen wir uns zuerst dein Vergehen an.

 

Was ist der Verstoß gegen die Konvention der Seitenzahlen?

 

Jede einzelne Seite ist ein Versprechen.

 

»Das Stück Papier klebt in diesem Buch, weil auf ihr ein wichtiger Teil der Geschichte geschrieben steht.«

 

Nebenbei: Mit dieser Intention solltest du Texte verfassen. Am Ende des Schreibprozesses dürfen nur noch die Wörter übrig bleiben, die deine Geschichte zersprengen, wenn sie fehlen.

 

Sprich, die Geschichte dauert genau so lange an, wie Seiten da sind. Logisch. Das weiß jeder Leser noch bevor er das Alphabet gelernt hat. Ich zitiere erneut meinen Vater. Wenn ich als kleiner Junge bei einem Film Angst hatte, der Protagonist (die Protagonistin) könnte gleich sterben, sagte er: »Der Film dauert noch eine Stunde. Wenn der jetzt stirbt, hätten die doch nichts mehr zu erzählen.« Dem kleinen Viktor raubte es die Illusion. Dem großen öffnete es die Augen.

 

Wenn wir wissen wie lange eine Geschichte andauert, dann geht die Spannung flöten und spielt mindestens so miserabel Flöte, wie ich in der Grundschule. Aber das muss nicht so sein.

 

Drehe den Spieß um und mach ihm Angst deinen Text zu lesen. So viel Angst, dass er befürchtet nach dem nächsten Umblättern nur noch blanke Seiten vorzufinden.

 

Dann brichst du das Versprechen, welches jede Seite mich sich bringt. Dann machst du deine Leser zu Gaffer. Dann wirst du zu dem Ding im Dunkeln und spukst im Kopf des Lesers, bis er endlich das Wort »Ende« deines Romans gelesen hat.

 

Wie lehrst du deinen Lesern das Fürchten?

 

Das Prinzip war mir bereits vorher bekannt, aber mein eigenes Spiel Deckfront brachte die Erleuchtung.

 

(Wenn Eigenlob stinken würde, müsste ich mir jetzt mit meiner Tastatur zuwedeln, um Sauerstoff an mich heranzulassen.)

 

Was hat das Spiel Deckfront mit dem Konventionsbruch der Seitenzahlen zu tun?

 

Hier geht es zum Regelerklärvideo von Deckfront

 

In dem Spiel werden zehn Runden gespielt, bis es Endet. Aber!

 

Am Ende einer jeden Runde kann einer der Spieler vorzeitig Gewinnen und die Partie abrupt beenden. Das erzeugt sofortige Spannung und lässt die Karten in der Hand vom Schweiß aufweichen. »Habe ich was übersehen? Habe ich einen Fehler gemacht? Habe ich mit der nächsten Runde schon verloren?«

 

So soll es auch deinen Lesern ergehen. »Ist das gerade wirklich passiert? Oh mein Gott, was kommt als Nächstes? Ist dann schon alles vorbei?«

 

Natürlich nicht. Dein Leser sieht ja, dass da noch 300 weitere Seiten kommen. Aber wie schaffst du es diese Furcht zu erzeugen?

 

Sei grausam!

 

Lass deine Figuren leiden. Am besten die, die deine Leser am liebsten haben. Und übertriff dich selbst. Tu ihnen an wovon du nicht dachtest, dass du soetwas zu Papier bringen könntest.

 

Dir fällt es schwer, brutal zu deinen Lieblingen zu sein? Nicht so schlimm.

 

Denn, du musst es nur einmal tun. Aber das mit voller Inbrunst und so früh wie möglich. Sei hinterhältig.

 

Nimm dir Zeit dein ausgesuchtes Opfer zum Freund deines Lesers zu machen und dann schlag zu, ohne lange zu Fackeln.

 

Der erste Moment, in dem dein Leser sagen würde: »Oh nein! Mein armer Freund«, ist der Beste. Keine Szene später. Warum solltest du das tun?

 

Ab sofort erreichst du eine Ebene des Lesers, die über das bloße Konsumieren hinausgeht. Diese eine Grausamkeit reicht aus und der Leser ist Teil deiner Geschichte.

 

Von nun an erwartet er kein Happy End. Er hofft sehnlichst darauf.

 

Weil wenn du Autor ihm einmal deine Füllfeder ins Herz rammen konntest, dann könnte es jederzeit wieder passieren.

 

Aber du schreibst Kindergeschichten oder willst deine Leser mit ausgesprochen fröhlichen Romanen beglücken?

 

Macht nichts.

 

Ängstige sie trotzdem. Ein bisschen zu mindest.

 

Was bringt mir Furcht, wenn ich heitere Geschichten schreibe?

 

Das gleich, wie jedem anderen Autor auch.

 

Du machst deine Leser zu Fans. Aber wie?

 

Angst hat viele Ebenen. In einer Kindergeschichte oder sonst einem fröhlich geprägten Roman, kann Furcht auf unterschiedlichste Weise verursacht werden.

 

Zum Beispiel verliert ein Kind sein Lieblingsspielzeug und traut sich nicht mehr eine ähnliche Bindung mit einem anderen Spielzeug aufzubauen. Dabei muss der Grundtenor nicht negativ sein. Es reicht, wenn es der einzige dunkle Aspekt in der Handlung ist. Aber das Publikum wird es dir mit erhöhten Verkaufszahlen danken.

 

Denn negative Emotionen berühren uns immer am stärksten. Erst sie lassen dich als Leser  wirklich mit den Figuren mitfiebern.

 

Nehmen wir Das letzte Einhorn. Mein Gott ist das eine schöne Geschichte und so verdammt grausam. Was ist daraus geworden?

 

Ein Klassiker.

 

Die Lehre daraus

 

Bring Dunkelheit über deinen Leser. Erst dann lernt er deine Sterne zu schätzen und wartet sehnsüchtig auf deine Sonne.

 

 

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Also, du weißt was zu tun ist. Geh ins Dunkle und finde das Streichholz darin.

 

Lebe deine Leidenschaft,

 

Dein Viktor

 

 

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Kommentare: 2
  • #2

    Viktor - Autor aus Leidenschaft (Freitag, 03 April 2020)

    @Bina
    Vielen lieben Dank!

  • #1

    Bina (Freitag, 03 April 2020 08:37)

    Toller Aspekt mit der Grausamkeit!
    Deine Texte sind wirklich genial