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Vorlesen vernichtet deinen Text. Verhindere es, bevor die nächste Lesung dich vernichtet

 

Wie schlecht ich schrieb, entdeckte ich erst, als ich meiner Frau vorlas und ihr Gesicht dabei sah.

 

Damit dir nicht das Gleiche passiert, schicke ich dich auf eine Reise.

 

Vom Seepferdchen, über deinen Langzeitspeicher, hin zur Kunst des Bildhauens. Das Ziel dieses Pfads?

 

Unvergessliche Dialoge.

 

Einer meiner Wegweiser war Ulf. Du weißt nicht wer Ulf ist? Dann komm mit. Er erwartet uns an der Ziellinie.

 

Setz dir Kaffee oder Tee auf. Dein Hirn wird Energie brauchen. Mentale Wanderstiefel angezogen und auf geht´s!

 

Das emotionale Seepferdchen

 

Erst als ich verstand, wie Teile unseres Gehirns funktionieren, fing ich an besser zu schreiben.

 

Ob Liebholzgeraspel oder epischer Götterkampf, eines hat in jeder Geschichte immer Vorrang.

 

Gefühle.

 

Warum?

 

Weil du überleben willst. Was haben Emotionen mit dem Überlebensinstinkt zu tun?

 

Schmerz, Angst, Sorgen. All das sind Empfindungen, die unser Leben bedrohen. Aber wie beeinflusst es dich beim Schreiben?

 

Schauen wir uns an, was im Gehirn passiert, wenn wir etwas wahrnehmen.

 

Jeder Reiz, jede Sinneswahrnehmung passiert in unserem Hirn ein und dieselbe Eingangspforte. Das Tor nennt sich Amygdale oder auch als Mandelkern bekannt. Sagen wir, jedes Nervensignal passiert das Mandeltor.

 

Am Mandeltor muss der Informationsüberbringer Halt machen und Bericht erstatten. Die Botschaft ist immer eine Problemstellung bzw. eine Fragestellung, die nach einer Handlungsanweisung verlangt. Wer hört sich diesen Bericht an? Das Seepferdchen.

 

Der Hippocampus, unser emotionales Seepferdchen, ist unser Buchhalter. Es nimmt sich den Bericht und rennt in die Gedächtnisbibliothek. Zuerst kommt es in den Vorraum ohne Fenster. Hier werden die negativen Bücher aufbewahrt.

 

Weil die Dunkelheit vor dem Licht in uns kommt, solltest du es für deinen Roman nutzen. Hier kommst du zum Blogartikel, der erklärt wie und warum: Du willst treue Leser? Dann lehre sie deine Texte zu fürchten

 

Jedes Buch hat im Titel eine Kombination an Emotionen und enthält die dazu eigens erlebte Geschichte. Die ältesten Bücher stammen noch aus der Zeit, als der Geist im Leib der Mutter schlummerte.

 

Das Seepferdchen sucht nun nach der Erfahrung, die am Erfolgversprechendsten ist. Erst wenn es in der dunklen Kammer nichts findet, dann geht es in den hinteren hellen Bereich suchen.

 

Hat es die richtigen Bücher gefunden, dann läuft es weiter und übergibt sie den Gelehrten in der Unviversität, dem Großhirn.

 

Der Campus des Großhirns ist wie eine Festung. Es ist vollkommen isoliert von jeglichem Gefühlsdusel. Hier herrscht Pragmatismus. Die Gelehrten grübeln über eine angemessene Lösung nach und gehen dabei absolut rational vor.

 

Die Lösung wird wieder zurück zum Seepferdchen gegeben und das macht den weisen Plan des Großhirns zu Nichte.

 

Denn das Seepferdchen ist neugierig, emotional und der mündliche Überbringer der Lösung.

 

Es liest sich den Plan durch und je nach Tagesstimmung weint oder lacht es dabei. Die Handlungsanweisung wird abgeheftet und das Seepferdchen schreibt ein neues Buch. Dann geht es zurück zum Mandeltor und verkündet den Masterplan.

 

Dieser wird an die Hormonwerkstätten weitergegeben und es wird nach diesem Masterplan produziert.

 

Halten wir fest:

 

Jeder Reiz dringt über die Emotionen in unser Gehirn ein und verlässt es auch wieder über die Gefühlseben.

 

Nächste Etappe. 2-1-3-Regel. Mit ihr überbringen die Boten dem Seepferdchen den Bericht.

 

2-1-3! Check √

 

Die 2-1-3-Regel hat mein Denken verändert.

 

Nicht ganz. Jeder Denkt nach dieser Regel. Aber seit ich sie kenne, wende ich sie bewusst an.

 

Was hat es mit dieser Zahlenkombination auf sich?

 

Nach dieser Intensität wird eine Information in uns abgespeichert.

 

Beachte! Es geht nicht um Wichtigkeit oder Priorität. Sondern darum, woran wir uns wie stark erinnern können.

 

Anfang-Mitte-Schluss: 2-1-3

 (eigene Darstellung)

 

»Ein guter Anfang schafft Leser, ein gutes Ende Fans.« (Unbekannt)

 

Und genau darum geht es.

 

Es muss einen ersten starken Impuls geben, der dich dazu verleitet, dich mit einer Sache zu beschäftigen (2).

 

Alle weiteren Informationen sind nur ein Lückenfüller, die dich das Ende, die Botschaft, herbeisehnen lassen (1).

 

Und dann kommt der große Knall. Die Erleuchtung. Die Antwort auf die Frage, die dich seit dem ersten Impuls nicht mehr losgelassen hatte (3).

 

Das Ende, die Botschaft, dass ist die Prämisse, die das Seepferdchen erreicht und woraus es ein Buch für deine Gedächtnisbibliothek schreibt.

 

Diese Regel lässt sich auf jede einzelne Information übertragen und beliebig skalieren. Was meine ich damit?

 

Ein Buch ist die Summe aller Kapitel. Ein Kapitel die Summe aller Szenen. Eine Szene, die aller Absätze. Und ein Absatz, die aller Sätze.

 

Jede dieser Größen nehmen wir als ein Ganzes war. Sprich:

 

Jeder Absatz ist das Ergebnis jeder Prämisse eines jeden Satzes und so weiter und sofort. Bedeutet:

 

Eine einzige schlechte Schlagzeile macht aus der NY Times die Bild.

 

Mein Tipp: Schreib jeden Satz und jeden Absatz deiner Geschichte nach der 2-1-3-Regel. Und wenn du ganz clever bist, dann lass deine Absätze mit einem Cliffhanger enden. Dann verschiebt sich zwar die Zahlenreihenfolge, aber der Leser muss den nächsten Absatz lesen, wenn er die erleuchtende Antwort deiner nervzerreißenden Frage erhalten will. Aber dieses Wissen kannst du noch viel weitreichender nutzen.

 

Wir Menschen sind nicht nur Emotionsgeprägt sondern auch Bildgesteuert.

 

Auf der nächsten Etappe meißeln Bildhauer an unseren Dialogen.

 

Die Macht des Bildes

 

Meine kleine Tochter schaut sich zuerst an was sie in der Hand hält und dann steckt sie es in den Mund.

 

Schon von Klein auf ist uns das Bild von einer Sache das Wichtigste. Ob nun real oder in Gedanken. Bloße Informationen sind abstrakt und in einem Roman gibt es nichts als Buchstaben zu sehen. Also ist es deine Aufgabe, als Autor, Bilder im Kopf des Lesers zu erzeugen. Wie diese Kunst zu meistern ist, dass zeigen uns die Bildhauer.

 

Aber zuvor nehmen wir noch einmal die 2-1-3-Regeln zur Hand und wenden sie auf die wörtliche Rede an.

 

Nehmen wir ein Beispiel in dreifacher Ausführung:

 

A)    (2)Harald brüllte: (1)»Das wirst du noch bereuen!«, (3)und warf seinen Bürostuhl nach Lutz.

 

B)    (2)»Das wirst du noch bereuen!«, (1)brüllte Harald (3)und warf seinen Bürostuhl nach Lutz.

 

C)  (2)Haralt brüllte (1)und warf seinen Bürostuhl nach Lutz: (3)»Das wirst du noch bereuen!«

 

Das erste Beispiel ist das schwächste. Warum?

 

Was bleibt beim Leser hängen? Der geworfene Bürostuhl. Was war der Aufhänger? Harald brüllt. Die wörtliche Rede geht in Belanglosigkeit unter. Das zweite Beispiel ist etwas besser, kämpft aber mit anderen Schwierigkeiten.

 

Bei B) erregt das gesprochene Wort die Aufmerksamkeit des Lesers. Danach erst erfährt er, dass Harald brüllt. Er muss also gedanklich zurückrudern und die Information, wie Harald spricht, nachträglich in den Kontext einflechten.

 

Und der fliegende Bürostuhl bleibt dem Leser abermals am stärksten in Gedächtnis. Das dritte Beispiel macht es da schon besser.

 

Der Leser will nicht im Satz hin und herspringen müssen, um den Sinnverhalt in Gänze verstehen zu können. Ein Wort ergibt das nächste und nicht das nächste das erste. Der vorige Satz war doof zu lesen, nicht wahr? C) macht es demnach doppelt richtig.

 

Das dritte Beispiel erzählt uns die Geschichte in chronologischer Reihenfolge. Bei der Analyse könnte man sich jetzt darüber streiten, ob Harald zuerst den Stuhl warf oder seinen Satz brüllte. Aber dieser Gedanke kommt beim Lesen nicht auf. Denn.

 

Harald brüllt. Leser: »Ok.«. Harald wirft seinen Bürostuhl. Leser: »Ok.« Wörtliche Rede von Harald. Leser: »Ok.«

 

Die Reihenfolge wird vom Leser akzeptiert, weil für die einzelnen Elemente keine Zusatzinformationen erforderlich sind. Zumal Harald hier der menschlichen Reaktionskette folgt. Erst der Gedanke, dann die körperliche Reaktion und zum Schluss das Wort.

 

Erst das Bild erzeugen und dann die Figuren sprechen lassen.

 

Aber es geht noch besser. Ganz nach dem Motto der Bildhauer.

 

»Die Skulptur ist erst fertig, wenn jeder Brocken, der nicht zu ihr gehört, abgeschlagen ist.« (Bildhauerweisheit)

 

Die Löschentaste ist des Schriftstellers Meißel. Mit ihr vollbringst du den Feinschliff. Also hämmere auf ihr ein!

 

Und hier kommt Ulf ins Spiel. Nie zuvor habe ich jemanden erlebt, der so brutal mit seinen Dialogen umgeht, wie er.

 

Aber eine Kleinigkeit fehlt noch. Es folgt eine kurze Etappe. Dafür aber steil und intensiv.

 

Maler und Betrachter. Ein Gemälde, zwei Bilder

 

Kunst entsteht nicht beim Künstler.

 

Ein Autor kann sich auch nicht als Künstler bezeichnen. Es sei denn er ist selbstverliebt.

 

Kunst entsteht erst beim Betrachter und es obliegt auch ihm, ob du in seiner Wahrnehmung ein Künstler bist.

 

Wenn du versuchst dem Betrachter dein Bild aufzuzwängen, dann verlierst du. Er besitzt nicht deinen Verstand und kann deinen Gedankengängen nicht folgen. Was zurückbleibt ist ein irritierter Leser und ein missverstandener »Künstler«.

 

Es ist nicht deine Aufgabe, dein Bild zu verbreiten. Du sollst deinen Fans einen Rahmen geben, der ihnen dazu verhilft, eigene neue Bilder zu erschaffen.

 

Zielgerade!

 

Weg mit den Redebegleitsätzen!

 

Ja, du hast richtig gehört.

 

Redebegleitsätze? Weg damit!

 

Warum?

 

Gehen wir die Strecke noch einmal durch.

 

-          Alles beginnt und endet mit Gefühlen

 

-          Das Gedächtnis speichert nach der 2-1-3-Regel

 

-    Erst wenn der Leser das gesamte Bild sieht, dann ist er aufnahmebereit für die Information

 

-          Im Kopf des Lesers entsteht das Bild und nicht beim Schreiben

 

Nimm dir ein X-beliebiges Buch und lies eine Seite darin. Welche Emotionen bleiben am stärksten heften? Die die der Autor versucht dir zu erklären oder die unausgesprochenen, die du dir selbst zurechtdenkst?

 

Wenn du etwas liest, dann rennt dein Seepferdchen los und gleicht die Botschaft mit deinen Erfahrungen ab. Sind sie nicht kompatibel, dann werden sie abgestoßen. Hast du aber die Möglichkeit Lücken mit deinem eigenen Erfahrungsschatz zu füllen, dann wirst du Teil der Geschichte.

 

Erst dann ist es deinem Gehirn erlaubt, deine vorhandenen Ideen mit neuen anzureichern.

 

Zurück zur wörtlichen Rede.

 

Hier eine vierte Variante des vorigen Beispiels:

 

D)    Harald warf seinen Bürostuhl auf Lutz. »Das wirst du noch bereuen!«

 

Und, vermisst du das was ich weggelassen habe? Ist es dir überhaupt aufgefallen?

 

Was macht D) um Längen besser als den Rest?

 

Gefühlsetappe

 

Leser: »Harald wirft seinen Stuhl nach Lutz? Na meine Güte, der muss aber sauer sein.«

 

Einprägungsetappe + Bildeben

 

(2)Harald warf seinen Bürostuhl (1)auf Lutz. (3)»Das wirst du noch bereuen!«

 

Der Leser erinnert sich daran, dass Harald diesen Stuhl warf und kombiniert es mit dem Gefühl welches er dabei empfand (»Der war sauer«).

 

Gut, Lutz ist das Ziel, aber ist das in diesem Satz wirklich wichtig?

 

Es bleibt hängen, dass ein Mensch von Harald abgeworfen wird. Noch ein Argument, welches Haralds Wut unterstreicht. Und dann das Finale.

 

»Das wirst du noch bereuen!« Gedanken des Lesers (ohne weiteren Kontext zu kennen): »Oha, da muss es wohl eine Vorgeschichte geben. Und der ist noch nicht fertig. Das wird noch ein Nachspiel geben. Aber was ist denn überhaupt passiert? Wo wird das ganze noch Enden?«

 

»Redebegleitsätze sind das schwächste Glied der wörtlichen Rede. Dein Roman braucht keine schwachen Glieder. Weg damit!« (Viktor – Autor aus Leidenschaft)

 

Was macht Zitate so mächtig?

 

Das gesprochene Wort steht für sich selbst. Es enthält alles was der Betrachter dazu lesen muss.

 

Es gibt dieses eine Argument für Redebegleitsätze. Sagte, etc. liest der Leser einfach so weg und fördert den Lesefluss.

 

Ich frage mich, warum soll mein Roman Wörter enthalten, die weniger Beachtung erfahren als andere?

 

Wenn wörtliche Rede auftaucht, weiß jeder Bescheid. »Ok, da spricht jemand.« Das muss ich dem Leser nicht erst noch mitteilen. Gleiches gilt für flüstern, raunen, kichern und anderen Sprechformen. Ob ein Mensch so überhaupt sprechen kann, ist noch eine andere, nicht weniger kurze Diskussion. Und der gute Ulf, der erteilte mir diese Lektion.

 

Du weißt nicht wer Ulf ist? Dann hol es nach: Ich kenne da Jemanden, der auch dein Leben bereichern wird: Ulf Schöle

 

Ulf macht sich erst gar nicht die Gedanken, ob Redebegleitsatz ja oder nein. Er schreibt sie einfach nicht.

 

Zuvor hatte ich krampfhaft versucht so weit es geht auf die Begleitsätze zu verzichten, bis ich sah wie einfach es geht:

 

Bild erzeugen, wörtliche Rede für sich selbst sprechen lassen und et voilà, ein starker Dialog ist geboren.

 

Jetzt kommt es noch darauf an, dass deine Figuren etwas interessantes zu sagen haben.

 

Beim Vorlesen wird es sich bezahlt machen. Denn da fallen erst die ganzen Unstimmigkeiten auf. Der Zuhörer kann nicht den Leser bitten, zurück zu spulen, damit der Kontext nachträglich verstanden werden kann.

 

Schreibe wie ein Bildhauer. Lösche alles was nicht zu deiner Geschichte gehört. Verzierungen verschandeln nur dein Meisterwerk.

 

Lebe deine Leidenschaft,

 

Dein Viktor

 

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