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Annika Bühnemann im Interview. SchriftstellerIn in Festanstellung, notwendig oder Utopie?

 

»Wie kann man vom Schreiben leben?«

 

Die Frage aller Fragen eines jeden Romanautors. Annika Bühnemann beantwortet diese Frage nicht nur theoretisch, sie lebt es uns vor.

 

Schreibtipps, Marketingtipps und Tipps zur Persönlichkeitsentwicklung. Das und noch mehr erfährst du von Annika auf ihrem Blog www.vomschreibenleben.de, ihrem Youtube-Kanal »Annika Bühnemann von Vom Schreiben leben« und auf nahezu allen Social-Media-Kanälen.

 

Im Interview gibt Annika Antworten auf ein heikles Thema. Sind Festanstellungen für SchriftstellerInnen eine notwendige Revolution oder ein unnützes Hirngespinst?

 

Warum gibt es keine klassischen RomanautorInnen in Festanstellung?

Ich denke, das hängt mit der Entstehungsgeschichte zusammen: Im Mittelalter waren die Begriffe „Autor“ und „Autorität“ eng miteinander verknüpft. Ein Autor hatte Einfluss und Anerkennung. Dieses Selbstbild hat sich im Laufe der Zeit etwas verändert, insbesondere seit mit Erfindung des Buchdrucks. In der Sturm-und-Drang-Zeit (18. Jahrhundert) war man der Meinung, ein Autor sei unabhängig; autonom und der alleinige Herrscher über sein geistiges Eigentum. Eine Festanstellung würde dem entgegenstehen, da eine Abhängigkeit entstünde.

Also kurz gesagt: Es passt mit dem Selbstbild von AutorInnen nicht zusammen, die sich als Freigeister sehen und nicht als Lieferanten vorgegebener Texte wie es beispielsweise bei Journalisten ist, die fest bei einer Zeitung angestellt sind.

 

Wie könnte ein sinnvolles Gehalts-/Beschäftigungskonzept für AutorInnen in Festanstellung aussehen?

Angenommen, ich bin bei Verlag A angestellt und soll dort Bücher schreiben. Es wird ein Gehalt vereinbart – aber in welcher Höhe? Wenn ich davon leben können soll (das setze ich mal voraus), muss es ja mindestens die Höhe einer Existenzsicherung haben, das sind im Jahr 2020 rund 9.408 Euro jährlich (784 Euro im Monat). Wenn wir von einer 40-Stunden-Woche sprechen und den Mindestlohn von aktuell 9,35 Euro nehmen, landen wir sogar bei 1496 Euro brutto im Monat, also 17.952 Euro im Jahr.

Vorschüsse, die derzeit von Verlagen an AutorInnen gezahlt werden, liegen häufig unter diesem Betrag, insbesondere natürlich bei Erstlingsautoren. Warum sollte ein Verlag also mehr Geld in die Hand nehmen, wenn es auch genug AutorInnen gibt, die für weniger arbeiten und zusätzlich auch noch keine Versicherungskosten mit sich bringen?

Attraktiv wäre es für Verlage nur, wenn sie AutorInnen anstellen könnten, die ihnen viel Geld einbringen, also mehr als das, was man ihnen als Gehalt auszahlt.

Vermutlich würde man, wie bei Zeitungen, ein gemischtes System anstreben: Es gäbe bei Verlagen festangestellte AutorInnen mit etablierten Reihen und freie AutorInnen.

Anders könnte es im Bereich der Heftromane sein, die eher auf Massenproduktion und weniger auf einen künstlerischen, gesellschaftskritischen Aspekt ausgerichtet sind. Wenn es um das bloße Produzieren von Schema-F-Geschichten am laufenden Band geht, wäre eine Festanstellung denkbar – allerdings rentieren sich Heftromane wirtschaftlich nicht, womit es aus Verlagssicht daher keinen Sinn ergibt.

Eine ganz andere Frage ergibt sich für AutorInnen, die in mehr als einem Genre schreiben: Was mache ich, wenn ich zum Beispiel Thriller und Kinderbücher schreibe, aber mein Verlag keine Kinderbücher vertreibt, sondern nur Erwachsenenliteratur? Wäre ich dann beim Verlag angestellt und im Nebenberuf als Freiberuflerin Autorin für einen anderen Verlag? Oder würde man zwei Teilzeitjobs machen, wobei die maximale Arbeitszeit von 60 Stunden pro Woche (und das nur in Ausnahmefällen) nicht überschritten werden darf?

 

Wie sieht es mit den Rechten an den Werken aus? Würde sich da grundlegend etwas ändern (müssen)?

Die Rechte gehen derzeit ja mit einem Vertrag an den Verlag über, das wäre dann ja auch so. Urheber bleibt der Autor, aber das Recht zur Vervielfältigung obliegt dem Verlag. Ich denke, der Verlag würde sich dann von vornherein alle Rechte sichern, also auch Hörbuch- und Filmrechte, die aktuell bei den AutorInnen bleiben, wenn sie sie nicht explizit im Verlagsvertrag abtreten.

 

Welche Vorteile hätte ein Verlag von festangestellten AutorInnen?

Zugpferde, die immer Bestseller schreiben, könnten fest eingerechnet werden und man hätte als Verlag keine Bedenken, dass diese AutorInnen für ihr neues Buch vielleicht einen anderen Verlag wählen, weil man sich nicht auf die Rahmenbedingungen einigen konnte.

Allerdings gibt es heute auch schon Verträge, in denen AutorInnen sich verpflichten, eine bestimmte Anzahl an Büchern in einem Verlag zu veröffentlichen, zum Beispiel bei Reihen oder Serien. Man kann es also in einem gewissen Rahmen festlegen und so aus Verlagssicht das Risiko mindern, dass ein Zugpferd abspringt.

 

Ein Unternehmen will natürlich kontinuierlich Einnahmen erziehen. Auf welche Weise könnten RomanautorInnen dies gewährleisten?

Ich denke, das ist der Knackpunkt der ganzen Thematik: Man weiß nie, ob ein Buch das Geld einbringen wird, mit dem man rechnet. Das ist einer der Gründe, warum es (oft niedrige) Vorschüsse gibt. Es läuft doch so:

Autor A bewirbt sich bei Verlag mit seinem Projekt. Verlag ist interessiert und sagt zu. Es wird eine Garantiezahlung (Vorschuss) von, sagen wir, 5.000 Euro vereinbart. Das Buch wird verkauft und dann wird Bilanz gezogen: Wurden die dem Autor gezahlten 5.000 Euro überhaupt erreicht? Wenn nein, dann hat der Verlag Pech, er kann das Geld nicht zurückfordern.

Wenn mehr eingenommen wurde, dann wird Autor A daran beteiligt und bekommt sozusagen eine Nachzahlung.

Wenn ein Unternehmen Produkte anbietet, bei denen man nicht einschätzen kann, ob sie sich verkaufen werden und in welcher Höhe, dann gibt man als Unternehmen sehr häufig diese Verantwortung ab – siehe „Tupperware“, „ProWin“, „Thermomix“ und Konsorten, aber auch Immobilienmakler. Das wirtschaftliche Risiko wird dadurch minimiert, dass man seine Verkäufer auf Provisionsbasis agieren lässt: Sie erhalten ein sehr geringes Grundgehalt und verdienen nur im Erfolgsfall.

Könnte ein Verlag also seine AutorInnen mit Mini-Gehalt anstellen und im Erfolgsfall eine Art Provision auszahlen? Vielleicht, aber es gibt keinen triftigen Grund, warum man es aus Verlagssicht tun sollte, denn selbst das Grundgehalt wäre vermutlich teurer als bisher, wenn man den Mindestlohn berücksichtigt.

 

Würde die Qualität der Romane durch regelmäßigen Produktionsdruck leiden oder könnte es sogar die Kreativität der AutorInnen befeuern?

Ich sehe da keine Unterschiede zur bisherigen Situation.

Deine Herangehensweise ist vermutlich so: Die meisten AutorInnen müssen einen Brotjob ausüben, weil durch die Bücher nicht so viel reinkommt, dass sie davon leben können. Wären sie in Festanstellung, könnten sie den ganzen Tag schreiben und mehr produzieren und die Frage ist, ob das die Qualität beeinflusst, weil nun der Druck größer wäre.

Ich sehe es anders: Wenn ich ein (bisher ungeschriebenes) Buch bei einem Verlag platziere, habe ich ohnehin eine Deadline und somit Druck, das Buch termingerecht abzuliefern, unabhängig davon, ob ich einem Brotjob nachgehe oder hauptberuflich schreibe. Bei einem Brotjob muss ich vielleicht einen oder zwei Romane im Jahr schreiben, im Hauptberuf in der Regel mehr, um genug zu verdienen. Der kontinuierliche Termin- und Leistungsdruck ist also eh immer da, auch wenn es nur um einen Roman im Jahr geht.

Eine Festanstellung würde daran meiner Meinung nach nichts ändern. Ob ich nun schreibe, um einen Projektvertrag zu erfüllen (aktuelle Situation) oder einen Arbeitsvertrag, ist letztlich doch egal.

 

Was würde sich für die Leser ändern, wenn sie Gewissheit hätten, dass Verlag X nur AutorInnen festanstellt, die eine gewisse Ausbildung mit sich bringen?

Ich glaube nicht, dass die LeserInnen da einen Unterschied machen würden. Die interessiert es in der Regel auch jetzt nicht, ob jemand vom Schreiben lebt – wobei sie es einem schon wünschen – oder ob man nebenbei arbeiten gehen muss/will. Mit der Qualität der Bücher hat das erfahrungsgemäß nichts zu tun.

Anders gesagt: Ich bin davon überzeugt, dass eine Festanstellung kein Qualitätsmerkmal wäre.

 

Auf welche Weise würde die Festanstellung von AutorInnen die Romanwelt revolutionieren?

Ich könnte mir vorstellen, dass das Ansehen von Autoren innerhalb der Familie steigen würde. Viele werden ja belächelt, wenn sie sagen, dass sie Bücher schreiben und man löchert sie mit Fragen, wie viel sie denn schon verkauft hätten oder ob man davon leben könne. Wer bei einem Verlag angestellt wäre, um zu schreiben, hätte in unserer deutschen Gesellschaft, in der wir der Festanstellung einen immens hohen Stellenwert einräumen, sicherlich ein verbessertes Ansehen.

Würde sich etwas für die Verlage ändern? Sie hätten mehr Planungssicherheit, aber die Frage, ob sich ein Buch auch wirklich verkauft, bleibt. Ich denke, die Ausgaben wären auch höher als bisher, ohne einen nennenswerten Vorteil. Zur Erinnerung: Wenn ein/e AutorIn einen Bestseller bei einem Verlag landet, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der/die AutorIn auch das nächste Buch dort veröffentlicht, wenn die Konditionen stimmen.

 

Gehört die Selbstständigkeit zu AutorInnen wie der Bart zum Hipster oder könntest du dir vorstellen in Festanstellung zu arbeiten und unter welchen Voraussetzungen?

Aus Autorensicht wäre das natürlich sehr verlockend, weil man jeden Monat sein festes Gehalt bekäme, statt alle paar Monate einen Batzen, mit dem man haushalten muss. Unter diesem Aspekt und weil ich derzeit nicht vorhabe, in unterschiedlichen Genres zu schreiben, würde ich eine Festanstellung diesbezüglich durchaus in Erwägung ziehen. Voraussetzung wäre allerdings entweder ein ordentliches Gehalt oder ein flexibles Gehalt mit Zuverdienstmöglichkeit. Ich müsste von diesem Grundgehalt meine Existenz sichern können und trotzdem die Chance haben, am Gewinn beteiligt zu sein, falls meine Bücher Bestseller werden.

 

Gehen wir einen Schritt weiter. Du bist Autorencoach und betreibst deine Plattform vomschreibenleben.de. Was könnte dich dazu bewegen einen Verlag zu gründen und Arbeitgeber für RomanautorInnen in Festanstellung zu werden?

Nichts. Ich persönlich habe überhaupt keine Ambitionen, für Dritte als Agentin oder Verlegerin tätig zu werden, geschweige denn mir so etwas Kompliziertes wie Angestellte zu leisten. Natürlich könnte ich mir „meine AutorInnen heranzüchten“, indem ich zum Beispiel nur AutorInnen anstelle, die so schreiben, wie ich es „richtig“ finde, aber erstens wäre das gegen die Kunst und das Experimentieren und zweitens habe ich nicht die Überheblichkeit, zu denken, dass das Erfolg hätte.

 

Wie ist dein Fazit? Wie stehst du zur Festanstellung von RomanautorInnen? Notwendig oder Utopie?

Utopie. Für die Verlage sehe ich einfach keinen triftigen Grund, das System zu ändern, weil es ihnen meiner Meinung nach kaum Vorteile böte. Ich lasse mich aber gern eines Besseren belehren.

 

Annika, vielen lieben Dank!

 

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Lebe deine Leidenschaft,

 

Dein Viktor

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Sippi (Samstag, 18 April 2020 22:07)

    Spannendes Thema!
    ich nehme daraus mit, dass Autor*innen aktuell eine hohe Motivation mitbringen müssen, um überhaupt einen Verlag zu finden und dass das Schreiben eines Buchs nicht gut zum Arbeitszeitgesetz passt, sondern egal was sonst im Leben passiert zu einem Tag X fertig werden muss, Autor*innen also selbstständig sind und bleiben. Interessant finde ich auch den Aspekt, dass Autor*innen in ihren Familien anscheind kein hohes Ansehen genießen - das finde ich schade, denn ohne Autor*innen gäbe es keine Bücher zu lesen und kein Wissenstransfer außer der Mund- zu - Mund Verbreitung von Informationen und Geschichten.