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Schweig, wenn du viel zu sagen hast! Großartige Geschichten fordern vom Leser kein Ohr, sondern geben ihm eine Stimme

 

Lektor: »Sind deine Leser Masochisten oder schreibst du für die Tonne?« 

 

Autor: »Was soll das denn heißen?!« 

 

Lektor: »Tell, tell, tellwenn ich die zweite Hälfte lesen muss, kratze ich mir die Augen aus.« 

 

Autor: »Das ist eine Kurzgeschichte! Ich habe keinen Platz für aufgeblasenes show.« 

 

Lektor: »Sie sind gefeuert!« 

 

Armer Autor. Oder? 

 

Ein ungeschriebenes Gesetz sagt: Show don´t tell ist ein Muss für gute Texte und macht sie automatisch länger. Stimmt das? 

 

Lektor: »Nein.« 

 

Bevor du weiterliest: 

 

Ist dir show dont´t tell ein Begriff? 

 

Wenn nein: eigne dir das Wissen darüber an und komm dann zurück. 

 

So, widmen wir uns zuerst der vielleicht schwierigsten Frage. 

 

Wie viel show ist notwendig und wie viel tell erlaubt? 

 

Die Frage ließe sich Philosophisch beantworten: »Es kommt darauf an.« 

 

Hilft dir aber nicht. 

 

Du könntest systematisch vorgehen und die Spannungs-Analyse heranziehen. 

 

Dort wird ein Mindestmaß von doppelt so viel show wie tell angesetzt. Ist aber auch nur eine Hilfestellung, um dir show überhaupt einzutrichtern. 

 

Was ist die Spannungs-Analyse? Ein Tool für deine erste Seite, die den Kunden zum Kauf überzeugen soll. Erfahre mehr: Spannungs-Analyse 

 

Gibt es denn gar keine klare Antwort? 

 

Doch. 

 

Und der Lektor in der Unterhaltung eingangs kennt sie. 

 

Show geht immer! 

 

Wirklich??? 

 

JA! 

 

Wie soll das gehen? Dann sind die Seiten doch schwer wie Steintafeln. 

 

Das muss nicht sein. 

 

Wenn du es richtig machst. 

 

Ist dann tell perse schlecht? 

 

Zu viel, ja. Dosiert ist es okay. Warum? 

 

Tell bedeutet immer: Dem Autor fehlten die besten Worte. Oder er hat sich mit den erstbesten zufrieden gegeben. 

 

Soll das heißen, jeder Schreiber soll von Anfang an versuchen, lediglich show zu verwenden? 

 

Nein. 

 

Das Ziel des vollkommenen »Zeigens« ist ein Prozess. Ein Prozess, der sich nicht nur über »schreiben, schreiben, schreiben« erstreckt, sondern über »veröffentlichen, veröffentlichen, veröffentlichen«. 

 

So ergeht es mir zumindest und es ist einer der Gründe für diesen Blog. 

 

Einen weiteren findest du hier: Wartet die Welt auf dein Werk? 

 

Wie kann solch ein Prozess aussehen? 

 

Show erlernen, verzweifeln und meistern 

 

Ich kann nur aus meiner Perspektive berichten, aber ich denke vielen ergeht es ähnlich. 

 

1. erlernen 

 

Wie die meisten sicherlich auch, habe ich zuerst show bewusst eingesetzt, als ich davon hörte. Zuvor passierte es aus »versehen«. 

 

Anfangs ging ich davon aus, folgender Satz hätte Stärke und wäre Eindrucksvoll: 

 

Er hatte Angst! 

 

Natürlich ist das quatsch. 

 

Langeweile pur. 

 

Also der erste show-versuch: 

 

Ihm schlotterten die Knie. 

 

Puh! Okay, show, check. Aber du stimmst mir sicherlich zu, dass immer noch etwas fehlt. 

 

2. verbessern 

 

Wie das Fehlende ergänzen? 

 

Mehr Eindruck muss her: 

 

Ihm schlotterten die Knie und Urin rann an den Oberschenkeln herab. 

 

Yeah! Ich bin genial. Aber ich kann das noch besser. 

 

3. übertreiben 

 

Da geht doch bestimmt noch mehr: 

 

Ihm schlotterten die Knie, wie vibrierende Gummibänder und Urin rann verästelt, wie der Amazonas am Oberschenkel herab. 

 

Hast du beim Lesen etwas gemerkt? 

 

Jede dieser Metaphern sind dermaßen einschläfernd, dass der Kopf jederzeit auf den Tisch donnern könnte. Warum? 

 

4. einbetten 

 

Metaphern machen Texte bildhaft. Aber nur, wenn sie richtig eingesetzt sind. Falsch verwendet zerstückeln sie ihn. 

 

Ein Gleichnis nachzuschieben ist wie eine Zeichnung nachträglich mit Farbe zu verschandeln. 

 

Gute Bilder sind unauffällig. Gute Bilder machen sich nichts aus Aufmerksamkeit und Anerkennung. 

 

Seine schlotternden Knie besprenkelten den Boden mit Urin. 

 

Warum ist dieser Satz besser? 

 

Weil das Bild nicht durch einen Nebensatz erläutert wird. Es steckt im Hauptsatz mit drin. Und das macht den Unterschied. 

 

Denn das Gehirn wird angeregt mitarbeiten zu müssen. Ein Satz = ein Sinninhalt. Wenn aber der eine Sinninhalt mit zwei Bildern gezeigt wird, dann muss sich der Leser beide Bilder vorstellen und mithilfe eigener Schöpfungskraft übereinanderlegen, damit er den eigentlichen Sinninhalt erzeugt. Wie in diesem Beispielsatz: 

 

Bild 1: schlotternde Knie 

 

Bild 2: Boden wird mit Urin besprenkelt 

 

Bild 1+2: Der Boden wird besprenkelt, weil die schlotternden Knie Urintröpfen von sich schleudern. 

 

Je mehr das Unterbewusstsein des Lesers mitarbeiten muss, umso besser. Wichtig! 

 

Das Unterbewusstsein, nicht das Bewusstsein. Wenn letzteres arbeiten muss, ist es schlecht. Das Einbetten der Bilder ist super und es geht noch besser. 

 

5. Kontext 

 

Hast du dich Mal zu jemanden auf das Sofa gesetzt, der gerade eine Serie guckt, die du nicht kennst? 

 

Der Serienfan folgt voller Spannung der Handlung, aber für dich ist es todeslangweilig. Warum fesselt dich die Story nicht? 

 

Weil die aktuelle Szene nur wegen dem Kontext funktioniert. 

 

Der Seriengucker hat bereits viele Stunden mit den Figuren erlebt und kann genau einschätzen, was die laufende Szene für die Charaktere bedeutet. 

 

Kontext lässt sich aber nicht mit nur einem Satz erzeugen. Es braucht eine Erweiterung: 

 

Er nahm seinen Ehering ab und steckte ihn in die Brusttasche.

Leos schlotternde Knie besprenkelten den Boden mit Urin. 

 

Kannst du dem Geschehen folgen? Nein, natürlich nicht. Dir fehlen Informationen. 

 

An dieser Stelle hat der Autor zwei Optionen. 

 

Entweder die vorangegangenen Informationen füllen den Kontext oder es wird bewusst nicht alles erklärt. 

 

Im ersten Fall ist das Gehirn aktiv, weil es alle verfügbaren Informationen selbst zusammen puzzeln muss. 

 

Und im zweiten ist es damit beschäftigt die Zusammenhänge zu ergründen. 

 

Wie du merkst, wird der Text länger. 

 

Die Kernaussage ist unverändert: Er hatte Angst! 

 

Aber die Überarbeitung macht den Text länger: Seine schlotternden Knie besprenkelten den Boden mit Urin. 

 

Wenn du jetzt bestrebt bist nahezu ausschließlich show zu verwenden, dann wird dein Buch doppelt so dick. Je nach Projekt kann das fatal sein. Und jetzt kommen wir zum Punkt: 

 

Das muss nicht so sein. 

 

6. weglassen 

 

Weglassen ist die Meisterklasse. 

 

Warum? 

 

Wenn du dich zwingst nur gerade so viele Wörter zu benützen, wie nötig sind, dann erzeugst du Lücken, die der Leser selber füllen kann und will. 

 

Es geht nicht darum, dem Leser das Erlebnis der Figuren zu erläutern. 

 

Der Leser will Teil der Geschichte sein und sie selbst erleben. Dafür muss sein Unterbewusstsein die Möglichkeit haben, aktiv werden zu können. 

 

Wie geht das? 

 

Zuallererst: scheiß auf Deko! 

 

Wenn er Angst hat, dann hat er einfach Angst, Punkt. 

 

Schreibst du, dass ihm die Knie schlottern und der Boden mit Urin besprenkelt wird, dann drehst du um deine Kernaussage eine Extrarunde. 

 

A) schlotternde Knie = er hat Angst 

 

B) Boden mit Urin besprenkelt = er hat Angst 

 

Kann man machen. Ist aber unnötig. 

 

Schon bei A) hat der Leser verstanden, was du sagen willst. B) ist eine Wiederholung und verzögert die Handlung. Besser ist: 

 

Entscheide dich für eines von Beiden. So kann dann das Ergebnis aussehen: 

 

A) Leos Knie schlotterten. 

 

oder 

 

B) Leo nässte ein. 

 

Jetzt obliegt es dem Erfahrungsschatz des Lesers, die Reaktion zu deuten. Und das wichtigste dabei! 

 

Die Wahrheit des Lesers ist die Wahrheit und nicht die des Autors. Warum? 

 

Weil es dem echten Leben nahekommt. 

 

Du hörst und siehst immer nur was Menschen von sich geben. Es ist das Ergebnis ihrer Gedanken und Gefühle. Und unser Unterbewusstsein ist darauf programmiert, herauszufinden warum andere Menschen tun was sie tun. 

 

Wenn es das ist was unser Gehirn gewohnt ist, warum solltest du als Autor anders vorgehen? Und noch etwas. 

 

Ist es nicht eine Genugtuung, wenn du es geschafft hast, einen anderen Menschen richtig gelesen zu haben? 

 

Doch, und dein Glückszentrum belohnt dich sogar dafür. Und was nun mit diesem Wissen anfangen? 

 

Wie meisterst du richtig gutes show? 

 

Einfach gesagt: indem du alle unnötigen Wörter weglässt. 

 

Aber wie? 

 

Nehmen wir ein neues Beispiel. 

 

Angenommen du willst folgendes aussagen: 

 

- es ist kalt

- es liegt Schnee

- es wird eine Schneeballschlacht veranstaltet

- eine Figur spielt mit

- die Figur wird verletzt

- die Figur blutet 

 

Und jetzt alles in einem Satz: 

 

Bluttropfen schmolzen den Schneeball in ihrer Hand. 

 

Somit sind alle Stichpunkte gesagt. Aber ist das wirklich show? 

 

Der Satz an sich liest sich doch wie tell. 

 

Für show kommt es nicht darauf an, was geschrieben wird, sondern was nicht geschrieben wird. 

 

Auf keines der Stichpunkte wird direkt eingegangen. Also kein tell. 

 

Der Leser muss sich selbst die Kernelemente aus dem Satz herausdenken. Demnach show. Unter einer Bedingung. 

 

Vor diesem Satz sind die Informationen aus den Stichpunkten nicht bereits erwähnt. Warum ist das wichtig? 

 

Wenn alle Informationen bereits durchgekaut sind, dann ist der Beispielsatz tell, weil das Gehirn nicht arbeiten muss. 

 

Lass es weg und das Leserhirn will sich am liebsten in die Zeilen quetschen. 

 

Bonustipp 

 

Vor allem in Dialogen: benutze permanent Mimik und Gestik. 

 

Lass die Charaktere immer eine Reaktion zeigen bevor sie sprechen. 

 

Warum? Das erkläre ich dir hier: Vorlesen vernichtet deinen Text. Verhindere es bevor die nächste Lesung dich vernichtet 

 

Niemand spricht ohne dabei äußere Reaktionen von sich zu geben. Selbst wenn sie banal sind, bereichern sie das Geschehen ungemein. Und richtig umgesetzt erzeugt es show. 

 

Beispiel: 

 

Ein Psychotherapeut und sein Patient unterhalten sich. Der Patient erzählt etwas Wichtiges, aber es fällt ihm schwer darüber zu sprechen. Um seinem Patienten zu helfen, zeigt sich der Therapeut sehr Aufmerksam und vermittelt ihm, dass es versteht, wie Bedeutend es für den Patienten ist. 

 

Wie kannst du als Autor dies wiedergeben? 

 

Möglichkeit A) Therapeut: »Ich verstehe, was das für Sie Bedeutet. Bitte, ich höre Ihnen aufmerksam zu.« 

 

B) Vollkommen konzentriert blickte der Therapeut seinem Patienten in die Augen und gab ihm alle Zeit der Welt für seine Erzählung. 

 

C) Der Therapeut schob Klemmbrett und Stift beiseite. 

 

Warum ist C) in dieser Auswahl die beste Alternative? 

 

Frag dein Unterbewusstsein. 

 

Warum ist diese, wiedermal elendig lange, Ausführung wichtig? 

 

Das Unterbewusstsein deiner Leser ist deine wahre Zielgruppe. 

 

Schreibe für den verborgenen Verstand. Denn das Bewusstsein ist nur der Sklave seines inneren Meisters. 

 

Willst du den Sklaven für dich gewinnen, dann braucht der Meister eine Stimme. 

 

Gib sie ihm! 

 

Lebe deine Leidenschaft,

 

Dein Viktor

 

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