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Einzigartige Charaktere am Fließband erschaffen

 

Für eine Geschichte erdachte sich J. K. Rowling mehr als 700 Figuren.

 

Georg R. R. Martin hat über 1.000 hervorgebracht.

 

Und J. R. R. Tolkin zu viele, um sie zu zählen.

 

Unnötige Übertreibungen?

 

Dann frage ich dich: was hattest du die letzten zehn Tage zum Mittagessen?

 

Wenn dein Hirn jetzt kurz vor einem Systemausfall steht, rette ich dich mit einer anderen Frage.

 

Kannst du zehn Nebenfiguren von Harry Potter aufzählen?

 

Oder von Game of Thrones (Das Lied von Eis und Feuer)?

 

Und was ist mit Der Herr der Ringe?

 

Wenn die ersten fünf beisammen sind, sprudeln gleich zehn weitere hinterher, nicht wahr?

 

Wie haben die Autoren-Großmeister das geschafft?

 

Talent?

 

Sicherlich auch, aber das ist nicht der ausschlaggebende Punkt.

 

Die Antwort ist:

 

Sie waren fleißig.

 

Was hat Fleiß mit der Entwicklung von Charakteren zu tun?

 

Zu aller erst:

 

Warum benötigt eine Geschichte überhaupt Nebenfiguren?

 

An dieser Stelle brauche ich den vielen anderen Schreibratgebern nicht nach zu plappern. Aber zwei Aspekte sind hervorzuheben.

 

1. Ohne Nebenfiguren gibt es kaum Möglichkeiten für Protagonisten zu Interagieren. Aber genau das ist wichtig, damit die Leser die Hauptfigur kennen lernen können.

 

2. Warum interessieren sich alle nur für Planeten auf denen es möglicherweise Leben geben könnte? Weil eine unbevölkerte Welt so interessant wie Raufasertapete ist.

 

Wenn du dachtest, du erschaffst den tiefgründigsten Protagonisten überhaupt und darfst dir dann den Bestseller-Sticker auf dein Cover kleben, dann schraube dir einen zusätzlichen Briefkasten für Absagen vor die Tür.

 

Wirst du mit Absagen oder anderen Rückschlägen gefoltert? Oder tust du alles um diese Unannehmlichkeiten zu umschiffen? Dann ist hier ein Artikel, dich davor zu wappnen: Was tun, wenn es Rückschläge hagelt?

 

Denn deine Nebenfiguren brauchen von dir ebenso viel Liebe wie deine Prota- und Antagonisten.

 

Warum?

 

Weil belanglose Charaktere für belanglose Welten sorgen.

 

Und belanglose Charaktere in belanglosen Welten sorgen für belanglose Konflikte.

 

Das schlimmste daran:

 

Belanglose Konflikte sorgen für belanglose Protagonisten und unverkäufliche Bücher.

 

Kannst du das Wort »Belanglos« nicht mehr hören?

 

Ich auch nicht.

 

Drum lass uns etwas dagegen unternehmen!

 

Willst du der Belanglosigkeit den Kampf ansagen, dann kommt jetzt Arbeit auf dich zu.

 

»Normal« ist der Tod der Einzigartigkeit

 

Was ist normal?

 

Wer ist normal?

 

Warum wollen so viele als normal anerkannt und gleichzeitig als Individuen akzeptiert werden?

 

Ganz einfach. Bist du normal, bist du unkompliziert und kannst schnell integriert werden. Aber wenn du zu normal bist, dann bist du schnell belanglos.

 

Das klingt doch nach einem passenden Gleichgewicht. Aber warum sorgt es trotzdem für einen Würgereiz?

 

Etwas oder jemanden als normal zu bezeichnen, ist eine Erniedrigung.

 

Es ist Faulheit oder Unwille etwas oder jemanden als Einzigartig zu verstehen.

 

Wenn du nach Schema-F agierst, ist es der bequeme Weg sich durch den Alltag zu schlängeln.

 

Wie einfach es doch ist über die Frauen zu sprechen. Oder über die Reichen zu schimpfen.

 

Unwissentlich oder nicht, wenn du den Stempel »Normal« permanent druckbereit in der Faust hältst, dann könntest du auch gleich jedem ins Gesicht sagen: »Ich verachte deine Einzigartigkeit.«

 

Klingt das für dich zu drastisch?

 

Wie willst du denn sonst beginnen gegen die Belanglosigkeit zu kämpfen?

 

Zurück zu deinen Nebenfiguren.

 

In einem Interview fragte man Georg R. R. Martin, wie er es schaffe, sich so viele spannende Charaktere auszudenken.

 

Seine Antwort:

 

»Jede Nebenfigur ist die Hauptfigur ihrer eigenen Geschichte.«

 

Was gibt es da zu ergänzen? Dieser Satz ist weise und sorgt bei jedem Schriftsteller für einen Haufen Arbeit.

 

Denn was bedeutet er?

 

Wenn jede Nebenfigur die Hauptfigur ihrer eigenen Geschichte ist, dann musst du als Autor dir eine weitere Geschichte ausdenken, die sich nahtlos mit der des Protagonisten zusammenfügen lässt.

 

Bedeutet im Umkehrschluss: Martin hat sich für das Lied von Eis und Feuer über 1.000 einzelne Geschichten innerhalb seiner Welt ausgedacht.

 

Ohne diese Mini-Geschichten gäbe es nicht die gewaltige Historie seiner fiktiven Welt. Und egal welches Genre du bedienst, du schreibst immer über fiktive Realitäten.

 

Willst du erfahren, wie du den Grundstein für spannende Figuren legst? Erfahre es hier: Der einfachste Weg Figuren zu erschaffen

 

Gut, jetzt ist geklärt warum du dich um alle deine Charaktere kümmern und bemühen solltest. Aber wie ziehst du sie aus dem Sumpf der Belanglosigkeit?

 

Die Lüge der Unverwundbarkeit

 

Unsere westliche Welt hüllt uns in Zuckerwatte.

 

Sie suggeriert: Jeder ist sicher, jeder ist geschützt. In Lebensgefahr ist nur der, der es darauf ankommen lässt.

 

Angenehm, oder?

 

Ein bleibendes Erlebnis wird für mich immer ein Gespräch mit einem damaligen Schulkameraden bleiben.

 

Überraschend selbstreflektiert erzählte er mir: »Selbst als Beifahrer habe ich immer an meine Unverwundbarkeit geglaubt. Schlimme Unfälle passieren ja immer nur anderen, die man meist nicht kennt.«

 

Dass er von sich aus das Wort »Unverwundbar« benutzte, hat mich stark beeindruckt.

 

Aber genau darum geht es.

 

Die westliche Zivilbevölkerung lebt relativ sicher. Stimmt. Schnell schleicht sich also das Gefühl der eigenen Unverwundbarkeit ein. Bis zu jenem Moment.

 

Wie wahrscheinlich ist es, dass dich ein herabfallender Ziegel erwischt?

 

(Fakt am Rande: Kokosnüsse töten jährlich mehr Menschen als Haie.)

 

Wie wahrscheinlich ist es, dass du ermordet wirst?

 

Richtig.

 

Verschwindend gering.

 

Aber sie ist da.

 

Warum sonst empfindest du derartiges Mitleid mit Menschen, die versehentlich oder durch eine Gewalttat gestorben sind?

 

Weil es vor Augen hält:

 

Die Wahrscheinlichkeit ist winzig klein, aber sie ist da und es könnte auch dich treffen.

 

Klar, es wird sich dann über mangelnde Sicherheit, zunehmende Gewalt der heutigen Jugend, zu viele Ausländer oder sonst was beklagt.

 

Aber im Grunde entspringt die lautstarke Empörung der Angst.

 

Angst davor, beim nächsten Vorfall selbst das Opfer zu sein.

 

Von Innen betrachtet ist es so, als würde eine bösartige Kraft ein Stück aus der Zuckerwatte heraus beißen.

 

Nicht verwunderlich also, dass die Naschkatze als böse deklariert wird und bekämpft werden muss.

 

Aber ich drifte ab. Was wollte ich damit sagen?

 

Wenn du den Leser an deine Welt und die darin lebenden Charaktere fesseln willst, dann zerschlage in ihr die Illusion der Unverwundbarkeit.

 

Wie dir das gelingt, erfährst du hier: Du willst treue Leser? Dann lehre sie deine Texte zu fürchten

 

Auch hierzu gibt es von Georg R. R. Martin eine Anekdote.

 

Wie kein anderer lässt er in seinen Geschichten reihenweise Figuren sterben. Selbst Protagonisten sind vor seiner Skrupellosigkeit nicht geschützt.

 

Warum?

 

Die Inspiration kommt von Der Herr der Ringe.

 

Martin (sinngemäß): »Ich war geschockt als Gandalf, eine der wichtigsten Figuren, starb. Wie sollte es nun weiter gehen? Wie sollte Frodo sein Ziel nur ohne den grauen Zauberer erreichen können? Ab dem Moment war mir eines klar. Von nun an konnte wirklich alles passieren.«

 

So, und warum kümmert uns beispielsweise das Leid in Afrika nicht?

 

Weil wir unseren Alltag ohne Berührungspunkte mit diesen weit entfernten Krisengebieten führen können. Was hat das mit deiner Geschichte zu tun?

 

Die Konflikte in deinen Büchern sind ebenfalls »weit weg« und kümmern den Leser nicht.

 

Es sei denn, du machst die Probleme deiner Figuren zu den Problemen der Leser.

 

Wie das funktionieren soll?

 

Verstehe jede deiner Figuren als ein Emotionsbündel

 

»Gehobene Lebensformen« haben etwas für sich entdeckt.

 

Emotionen.

 

Leben Reptilien vereinfacht nach dem Prinzip: Wenn-Dann-Sonst, werden die gehobenen Lebensformen von Emotionen gesteuert.

 

Was bringen dir diese Emotionen?

 

Meist verwirren sie doch nur und wollen dich zur Verzweiflung bringen.

 

Allein genommen wären sie nur eine zigfach verschachtelte Version von Wenn-Dann-Sonst, wenn da nicht eine zusätzliche Fähigkeit wäre.

 

Und diese zusätzliche Fähigkeit macht diese Lebensformen (uns) so dominierend.

 

Empathie.

 

Empathie ermöglicht es, sich in die Emotionswelt eines anderen hinein zu versetzen. Das verbessert deutlich das Zusammenleben in einer Gruppe und führt zu einer erhöhten Sicherheit.

 

Sobald also der Leser deine Figuren als Teil seiner eigenen Gruppe identifizieren oder sich über das Leid der Charaktere empören kann, wird er Teil der Geschichte.

 

Und genau das willst du.

 

Deine Geschichte soll nicht für den Leser geschrieben sein, sie soll zusammen mit dem Leser entstehen.

 

Das schafft eine emotionale Bindung zu einem Buch, was im Grunde nur eine Ansammlung von Papierblättern mit Tinte ist.

 

Aber wie schaffst du es die Emotionen der Leser zu aktivieren?

 

Eine Möglichkeit ist:

 

Empörung.

 

Gib deinen Lesern ein Thema über welches sie sich empören können oder über das sich viele andere empören.

 

Tabuthemen eignen sich hervorragend dafür.

 

Kris C. Macaw handelt vorbildlich danach, indem sie im Genre Gay-Romance schreibt. Hier geht es zum Interview mit ihr: Groteske Krankheit oder schnöder Alltag? Kris C. Macaw beantwortet diese Frage im Interview und mit ihren Büchern

 

Aber Empörung ist doch nicht alles.

 

Richtig.

 

Die Schale ist durchdrungen, kommen wir zum Eigelb.

 

Einzigartige Probleme schaffen einzigartige Charaktere

 

Und da sind wir wieder bei der Fleißarbeit.

 

Wenn der Leser von der Einzigartigkeit deiner Geschichte überwältigt werden soll, dann brauchst du einzigartige Figuren.

 

An dieser Stelle wiederhole ich gerne:

 

Alle deine Figuren sollen Einzigartig sein!

 

Wie bekommst du so etwas hin?

 

So einzigartig wie wir alle sind, so sind es auch unsere Herangehensweisen. Hier meine:

 

1. Der Protagonist soll Information X erhalten. Woher?

 

2. Ein weiterer Charakter soll sie vermitteln. Was legitimiert eine weitere Figur in meiner Geschichte?

 

3. Dieser Charakter soll spannend sein und durch ihre Anwesenheit die Geschichte vorantreiben. Was macht sie spannend?

 

4. Spannung wird durch Konflikte erzeugt. Also sorgt diese zusätzliche Figur für zusätzliche Konflikte.

 

5. Die zusätzlichen Konflikte sollen aber nicht belanglos sein. Wie verpasse ich ihnen eine Relevanz?

 

6. Relevante Konflikte erwachsen aus relevanten Figuren. Aber was macht die Figur relevant?

 

7. Emotional greifbare Probleme fesseln den Leser. Wie werden emotional greifbare Probleme erzeugt?

 

8. Durch ein Ungleichgewicht der Seele, was sich durch ein gegensätzliches Sein und Wollen ausdrückt.

 

Diese Aufzählung könnte noch ewig weitergehen, aber spätestens ab jetzt wird es zu individuell.

 

Hier sind wir wieder bei der Arbeit angekommen, denn:

 

Ab jetzt fängt die Figur an eigenwillig zu werden. Sie erhält ein einzigartiges Leben.

 

Die Kunst ist es, jeder Figur ein unvergleichliches Dasein zu schenken, welches eng mit der Thematik und der Prämisse deiner Geschichte verknüpft ist.

 

Eine Art dies umzusetzen ist, dir zu überlegen, wie die Figur sein sollte, um ihre zugedachte Aufgabe zu erfüllen. Danach fügst du Bedürfnisse hinzu, die unbefriedigt in ihr schlummern.

 

So, und das ist nun deine Arbeit.

 

Ran ans Werk!

 

Belanglosigkeiten drohen uns zu ersticken.

 

Du als Autor hast ein Mittel zur Rettung.

 

Deine Geschichten.

 

Also los!

 

Schreib was das Zeug hält und verschaff der Welt Luft zum Atmen!

 

Damit du nicht alleine dastehst, habe ich etwas für dich.

 

Ein Tool mit dem sich verborgenes aufdecken lässt.

 

Innere Konflikte sind die tiefsten und wohlbehütetsten Geheimnisse deiner Figuren.

 

Ergründe sie und werde zu einer Schriftsteller-Legende!

 

Innere Konflikte sichtbar machen

Quelle Grafik: Interpersonaler Kreis: Jesse Schell, Die Kunst des Game Designes (übersetzt von Katherine Isbister, Better Game Characters by Design)

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