Arkham Horror

Die Nacht des Zeloten

© Fantasy Flight Games

Teil 1: Die Zusammenkunft

 

I Verstörende Ereignisse

 

»Sagten Sie gerade, eine zerstückelte Leiche?« Die Leitung war einwandfrei, aber Roland konnte und wollte nicht glauben, was er hörte. Nahm es denn nie ein Ende?

Mr. Henkersons bestätigte. »Ja…ja, Sir, Agent Banks.«

»Ich bin unterwegs«, versicherte Roland und legte auf.

In solch einem Fall war es üblich die Zentrale zu informieren. Roland steckte seinen Finger in ein Ziffernloch der Drehscheibe des Telefons und drehte sie im Kreis. Der Nummernschalter ratterte zurück und der Finger stach zu nächsten Ziffer.

Mr. Henkerson und Roland waren sich nur flüchtig bekannt. Warum also rief er ihn und nicht die Zentrale an? Verloren kreiste sein Finger über die Drehscheibe. Er hatte vergessen wo er bei der Rufnummer stehen geblieben war. Wie immer, wenn er nachdachte.

Gedankenverloren starrte er auf die Schlagzeile der Tageszeitung vom 17.9.1925, die neben dem Telefon lag. Holzfäller finden Friedhof des Kannibalen.

Es war wider seiner Natur, aber Roland legte den Hörer auf die Angel. Er entschied sich, die Zentrale von Mr. Henkersons Telefon anzurufen, nachdem er den Tatort inspiziert hatte. Die Medien hatten ihre Ohren überall und weder Roland noch Mr. Henkerson konnten die Paparazzi gebrauchen.

»Rufus!«, rief Roland aus dem Arbeitszimmer und setzte sich seinen Hut auf. »Einsteigen.« Der schottische Jagdhund erwachte und bellte vergnügt.

 

Der Heuhaufen in dem Wendy hockte war feuchtfrisch, doch konnte er nicht den Geruch von Urin und Sperma überdecken, der an ihr heftete.

Die Spätsommerhitze machte den Strohspeicher in der Scheune zu einem Brutkasten. Schweiß tränkte ihre Kleidung und sie zitterte, als wäre sie unter einer Schneelevine begraben. Ein metallisches Geräusch ertönte und Wendy krümmte sich zusammen, wie ein todesängstiger Igel.

Das Scheunentor öffnete sich und sie hörte eine Männerstimme sprechen. »Hier, Agent Banks… Ich…ich habe nichts angefasst. Alles so, wie ich es vorgefunden habe.«

 

In den wenige Lichtstrahlen, die durch die Schlitze der Bretter schienen, schwebte dicker Staub vom Stroh. Roland stand auf der Schwelle zum Scheuneneingang und sah sich um. Eine schwarze Lache hatte sich auf dem Erdboden im Inneren ausgebreitet, von der eine Blutspur hin zu seinen Füßen führte. Fliegen surrten umher und die stickige Luft war erfüllt vom Gestank auslaufender Darmsäfte. Das Lavendeltuch vor Rolands Nase und Mund half nur marginal, reichte aber um den Brechreiz zu besänftigen.

Inmitten der Blutlache lag ein junger Mann. Erst auf den zweiten Blick erkannte Roland, dass er nackt war. Seine Innereien lagen wie ein Gewand auf ihm.

Mr. Henkerson stand hinter Roland und versuchte erst gar nicht an ihm vorbeizuschauen. »Darf…darf ich…Agent Banks?«

Mitgefühl zeigen, besagte der Handlungsleitfaden. Es würde niemals Rolands stärke werden, aber er gab sich mühe. »Kümmern Sie sich um Ihre Frau.« Nur beiläufig bekam er mit, wie sich der Farmer davonstahl. In Gedanken spulte er das Verfahrenshandbuch für Morduntersuchungen ab. Mordopfer identifizieren, stand weit oben.

Roland schaltete seine Taschenlampe ein und trat mit einem großen Schritt über die Blutspur. Im großen Bogen umrundete er die Lache und ging zum Trecker, der in der Ecke parkte. Dort fand er wonach er suchte.

Versteckt und zerknüllt, aber sauber, lag die Kleidung des Opfers im Schatten der Landmaschine. Roland steckte das Lavendeltuch in die Tasche und zog Handschuhe an. Er nahm die Hose des Verstorbenen und durchsuchte sie. Das Portmonee fehlte.

Der Lichtkegel der Taschenlampe bewegte sich wie der Schein eines Leuchtturms und verharrte unter dem Trecker. Roland griff hinter einen Reifen und holte einen Slip hervor.

 

Wendy krampfte. Sie hörte den Mann die Leiter zum Speicher hinaufsteigen.

 

Kastanienbraunes Haar lugte aus dem Heuhaufen hervor. Roland wischte sich den Schweiß aus den Augenbrauen. Für diese Situation gab es kein Handbuch. »Miss? Bitte erheben sie sich.«

Ihre Schnappatmung beschleunigte. Er trat näher heran, da begann sie zu bibbern. Eine Schweißperle mehr rann über Rolands Gesicht.

»Miss, ich werde Hilfe rufen. Ich bin gleich wieder zurück.« Sie war nicht sein Fall. Sein Fall lag tot auf dem Erdboden. Ein Psychiater würde sich ihrer annehmen. So wie Mr. Middelton ihm half, das Grauen zu verarbeiten, welches ihm seit geraumer Zeit tagtäglich bei der Arbeit begegnete.

Die Zentrale hatte lange genug auf Rolands Anruf gewartet. Er kletterte die Leiter hinab und verließ die Scheune. Auf dem Hof der Henkersons blieb er stehen und zückte sein Notizblock aus der Brusttasche. Akribisch schrieb er alle relevanten Details auf. Kein Hinweis durfte verloren gehen. Es krachte, als wäre ein Blitz in die Scheune eingeschlagen.

Vor Schreck zog Roland einen Strich durch die Notizen und fuhr herum. Das aufgeschlagene Scheunentor schwankte und eine junge Frau stürmte hinaus.

Stift und Block fielen zu Boden. Roland rannte. »Stehen bleiben!«

Sie prallten aneinander. Roland versuchte sie zu packen, doch sie fuchtelte wild um sich. Schreiend entriss sie sich seinem Griff und flüchtete. Sie lief zur Auffahrt des Hofs, wo auch Rolands Auto stand. Mit offener Fahrertür.

Die junge Frau rannte zum Wagen. Sie war im Begriff hineinzuspringen, da schrie sie auf und landete mit einem Satz auf den Rücken.

Kläffend hüpfte Rufus aus dem Auto. Auf allen Vieren, wie eine Spinne, kroch die Frau rückwärts. Ihre Pupillen verloren sich in den weit aufgerissenen Augen. Sie kreischte, als wäre sie in Flammen aufgegangen.

Roland stürmte hinzu. Er bellte ein Kommando und der Hund zog sich zurück. Doch es war noch nicht vorbei. Die Frau wand sich umher und versuchte aufzustehen, davonzurennen. Ihm blieb nichts anderes übrig. Roland fiel auf die Knie und umklammerte sie. Sie schrie ihm ins Ohr und kratzte wie eine Furie. Sein Griff war unnachgiebig und sie ermüdete.

So etwas war Roland noch nie zuvor passiert. Er musste sie unter Kontrolle bringen. »Sie sind in Sicherheit.«

Die Arme der jungen Frau erschlafften. Sie schluchzte.

»Beruhigen Sie sich bitte, Miss. Es kann ihnen nichts mehr passieren.« Seine unbeholfenen Worte fanden Gehör. Sie umarmte ihn und weinte leise in seine Schulter.

Erleichtert atmete er auf. »Gut. Ich werde nun Hilfe rufen, Miss.«

Ein Ruck fuhr durch den Körper der Frau und die Furie kehrte zurück. Sie versuchte sich frei zu beißen und kratzen, als hätte Roland sie zur Folter verurteilt.

»Halt!«, brüllte er und drückte fester. »Ich bleibe! Hören Sie?! Sie bleiben bei mir. Niemand wird hierherkommen. Ich kümmere mich um sie.« Was um alles in der Welt war nur in ihn gefahren? Was hatte er da gerade gesagt?

Die junge Frau fuhr ihre Krallen ein. Sie schmiegte sich an ihn und gab sich seiner Umarmung hin.

 

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Dein Viktor

 

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