Arkham Horror

Die Nacht des Zeloten

© Fantasy Flight Games

Teil 1: Die Zusammenkunft

 

III Eingemauert

 

In jeder Hand mit einer Tasse bestückt, öffnete Roland die Tür zum Arbeitszimmer mit dem Ellenbogen. Er reichte der jungen Frau, deren Namen er immer noch nicht kannte, einen Kaffee und wanderte um seinen Schreibtisch herum. Schwer ausatmend ließ er sich in seinen Stuhl fallen. Beim Aufbrühen hatte er überlegt, an welchem Punkt ihm die Kontrolle entglitten war. Es war die Frau, sie hatte alle üblichen Herangehensweisen zunichte gemacht.

Wie auch immer. Er allein hatte es nun zu verantworten. »Bitte haben Sie noch einen Moment Geduld, Miss.« Roland griff zum Telefon auf seinem Tisch und wählte die Nummer der Zentrale.

 

Wie in Trance, saß sie da und lauschte dem Ferngespräch des Bullen. Er sprach mit seinem Vorgesetzten über den Tatort. Wendy wollte nichts davon hören. Sie kehrte in sich, schaltete ihr Gehör aus und sah sich um.

In dem Raum gab es nicht viel Persönliches. Einzig stach ein Foto aus dem Wust an Akten, Notizblättern und Büchern hervor. Auf dem Bild waren der Bulle und ein weiterer Mann zu sehen. Der Bulle, dieser Agent Banks, sah darauf anders aus. Deutlich fröhlicher und mit weniger ernsten Falten. Die beiden Männer präsentierten auf dem Foto stolz einen riesigen Fisch. Für Vater und Sohn sahen sie zu verschieden aus.

Neben dem Telefon erblickte Wendy die Zeitung von gestern. Über der reißerischen Schlagzeile hatte der Bulle ein Symbol gezeichnet. Ein Kreis mit einem Dreieck darin und darin wiederum ein auf dem Kopf stehendes Dreieck. Zwischen Kreis und dem größeren Dreieck verteilten sich drei Punkte. Sie erkannt es wieder und hielt den Atem an.

 

Der Hörer fiel in die Angel. Roland holte tief Luft und lehnte sich zurück. Forschend musterte er seinen ungebetenen Gast. »Schmeckt der Kaffee?«

Die junge Frau nickte.

Lüge! So etwas erkannte Roland sofort. Sie war keine Kaffeetrinkerin. Nervös trommelte er mit seinen Fingern auf der Armlehne. Er musste einen Draht zu dieser Frau aufbauen und sie zum sprechen bringen, wenn er bei seinem Chef wieder punkten wollte. »Das muss alles schrecklich für sie sein.«

Sie schlürfte aus der Tasse und verzog das Gesicht.

»Miss wie ist Ihr Name?« Wenigstens das musste er in Erfahrung bringen.

Das schlürfen fand kein Ende, als hätte sie gerade in der Wüste eine Oase gefunden. Eine bittere.

Dann halt doch weiter nach Protokoll. »Kann ich bitte Ihren Ausweis sehen? Es ist nur für die Akte Ihrer Zeugenaussage.«

Zum Luft holen, musste sie das geschlürfe unterbrechen. Roland konnte ihr geradezu ansehen, wie sie abwog weiter zu schweigen oder ihm eine Lüge aufzutischen.

Sie entschied sich zur zweiter. »Verloren.« Sofort war die Tasse wieder an ihren Lippen.

Klassisches Abwehrverhalten von Schuldigen, klassifizierte Roland. Wenn er ihren Namen schon nicht herausfand, dann musste er sich zumindest ihr Äußeres für das Protokoll einprägen.

Ihr kastanienbraunes Haar war zerzaust, aber ordentlich geschnitten und reichte ihr bis zum Nacken. Die Gesichtsform war rund und etwas kindlich, fälschte aber dennoch nicht über ihr wahres Alter hinweg. Mitte zwanzig. Roland war sich sicher, genau dieses Aussehen war ihr Erfolgsgeheimnis, bei dem was sie tat. Passend zu der Fassade einer unschuldigen, naiven und gut betuchten jungen Dame, hatte sie ihre Kleidung gewählt. Um den Hals trug sie ein dunkles Seidentuch und auf ihrem Kleid prangte das Logo einer luxuriösen Marke. Nicht nur der Hersteller war weise gewählt, der Schnitt bot gute Beinfreiheit zum Rennen.

 

Die Stimmlage des Bullen veränderte sich. Er begann sie zu verhören. Wendy presste sich in die Stuhllehne. Der sozial unbeholfene Bulle wandelte sich zu einem Polizeibeamten mit Format.

 

Roland beugte sich vor und stützte die Ellenbogen auf dem Schreibtisch ab. »Es tut mir leid, Miss, aber ich muss sie das fragen. Warum waren Sie in der Scheune?«

Wieder schlürfte sie am Kaffee, um Zeit zu schinden. Angewidert schluckte sie herunter und hatte eine Antwort gefunden. »Bin ich verhaftet?«

»Nein, Miss.« Roland wartete einen Moment, falls sie nach ihrem Anwalt verlangen würde, aber wie erwartet blieb dies aus. Demnach hatte sie keinen.

Wenn er die Wahrheit aus ihr herausbekommen wollte, musste er geschickt vorgehen. »Miss, was vorgefallen ist, muss schockierend sein. Ich möchte Sie in guter Obhut wissen. Teilen Sie mir doch bitte die Ferngesprächsnummer Ihrer Familie mit. Jemand muss sich um sie kümmern. Ihre Angehörigen besitzen doch ein Telefon, nehme ich an.«

So wie sie in die Tasse starrte, hätte sie eine Wahrsagerin sein können, die aus dem Kaffeesatz las.

»Oder…« Roland ergänzte gedehnt. »Sie geben mir die Nummer des Waisenhauses, in dem Sie sich zuletzt aufgehalten haben.«

Der Holzstuhl auf dem die junge Frau saß, knarzte als hätte sich schlagartig das Gewicht verdoppelt. Ihre plötzliche Anspannung brachte nicht nur das alte Mobiliar in Schwingung, auch der Kaffee schwappte über und besudelte ihr kostbares Kleid.

Volltreffer. Sein Instinkt ließ ihn nur selten im Stich. Roland nahm sein Notizblock und einen Stift. »Wissen Sie, Miss, wenn Sie nicht sprechen wollen, dann bin ich verpflichtet meine Spekulationen zu Papier zu bringen. Und ich hasse Spekulationen.“

Im Sekundentakt klopfte er mit dem Stift auf die Tischplatte, aber die junge Frau blieb standhaft. Vielleicht wusste sie, dass er log.

»Nun gut.« Er begann damit etwas auf dem Block zu notieren und sprach das geschrieben laut mit. »Die Zeugin hatte außerehelichen Geschlechtsverkehr mit dem Mordopfer.«

Die Oberfläche ihres Kaffees kräuselte sich, als herrschte ein Erdbeben.

Roland setzte nach. »Die Brieftasche des Mordopfers war leer. Es wird angenommen den fehlenden Geldbetrag in der Kleidung der Zeugin vorzufinden. Darüber hinaus wird vermutet, die Zeugin besitzt keinen festen Wohnsitz und das Verführen junger Männer dient ihr als Masche zur sicheren Einnahmequelle. Wahrscheinlich wohnt sie einige Tage bei ihren Opfern und lässt es sich gut gehen, bevor sie die armen Schweine für immer verlässt.«

Die junge Frau, oder eher gesagt das Mädchen, blieb starr wie eine Statue. Aber in ihrer Tasse wütete ein Tsunami.

Auf einer gewissen Weise bewunderte Roland ihr Durchhaltevermögen. Er musste einen Schritt weiter gehen. »Sie erinnern mich ein wenig an mich selbst, als ich in Ihrem Alter war. Ich war ein Kämpfer, ganz wie Sie. In der Zeit meiner polizeilichen Ausbildung war ich unangefochtener Boxchampion. Nicht nur auf dem Revier, sondern im gesamten County. Schade nur um das Erinnerungsstück. Vor einigen Minuten lag die Medaille aus echtem Gold noch dort im Regal. Was meinen Sie, ist es wohl versehentlich in ihre Tasche gefallen?«

Die Kaffeeoberfläche erstarrte zu einem Spiegel. Roland konnte nur erahnen, was sich hinter der Steinhaut der jungen Frau abspielte.

Er nahm die schärfe aus seinem Ton. »Miss, wie Ihr Alltag aussieht interessiert mich nicht. Ich kann mir nicht im Geringsten ausmalen, wie Ihnen zumute sein muss. Sie brauchen Hilfe. Ein Streifenwagen ist bereits unterwegs. Melden Sie sich bitte bei mir, wenn es Ihnen besser geht. Für den Fall brauche ich…«

Der alte Stuhl krachte zu Boden. Die Frau stürmte los. Bevor Roland begriff, was vor sich ging, erreichte sie bereits die Tür.

 

Wendy streckte die Hand zur Klinke. Innerlich bereitete sie sich bereits auf das Hundegebell vor. Doch sie griff daneben und krachte gegen die Wand. Die Wucht des Aufpralles warf sie nieder.

Der Bulle war ihr nachgehechtet und stand über ihr. Kopfschüttelnd reichte er ihr die Hand. Sie schlug seinen Arm beiseite. Ungeachtet ihres Hiebs, stand er da und starrte zur Tür. Sie ärgerte sich über seinen Versuch ihr zu helfen. Sie ärgerte sich aber auch, über die nun fehlende helfende Hand.

 

»Was…« Roland blinzelte. »Was um alles in…«

Das konnte nicht sein. Seine Augen mussten ihm einen Streich spielen. Einen bitterbösen.

Er trat an die Wand heran und berührte sie dort, wo eben noch seine Tür gewesen war.

Seine Finger streiften über den rauen Putz. Die Wand war makellos. Von einer Tür war keine Spur.

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Lebe deine Leidenschaft,

 

Dein Viktor

 

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