Arkham Horror

Die Nacht des Zeloten

© Fantasy Flight Games

Teil 2: Mitternachtsmasken

 

V Entsicherte Geduld

 

»Renn!« Wendys Verstand brüllte sie an, wie ein Sklaventreiber und ließ die Peitsche knallen. Sie rannte. Weiter, immer weiter. Sie schlug Haken, sprang über Zäune und hörte bestialisches Geschrei hinter sich. Es war wie ein gehetzter Traum mit der Geschwindigkeit eines Schnellzuges.

Stimmern riefen ihr zu. »Uni…Universität.«

Die Fuge gaben ihrem planlosen Gehirn ein Ziel.

Wendy sprintete in die Südstadt und das war ihre Rettung.

In dem überfüllten Stadtteil standen die Häuser dicht an dicht. Sie tauschte in einen Spalt zwischen zwei Gebäuden und zwängte sich hindurch, wie Laborratten im Labyrinth.

Ihre Gefährten folgten ihr und das albtraumhafte Geschrei blieb zurück. Sie hatte sie abgeschüttelt.

 

Mit eingezogenem Bauch quetschte Roland sich durch den Zwischenraum zweier Wohnhäuser. Wenn die Monster sie hier fanden, war alles vorbei. Aber bevor die Zweifel sich inmitten der Panik Luft machen konnte, kramte das Straßenmädchen an einer Wand.

Sie entfernte einen lockeren Ziegel aus der Wand und holte einen Schlüssel hervor. Zwei Meter weiter endete der Spalt und sie gelangten in einen Hinterhof. Das Mädchen schloss eine Tür auf und schlüpfte hinein. Roland und Lita folgten.

Hinter ihnen schloss das Gör leise die Tür. Sie fanden sich in einer Waschküche wieder. Alle drei hielten den Atem an und lauschten.

Nichts.

Erschöpft lehnten sie sich an die Wände und schnauften durch. Roland öffnete seinen Mund zum Sprechen, doch das Mädchen legte den Finger auf die Lippen und starrte ihn drohend an.

Lärm war im Inneren des Gebäudes zu hören. Eine Frau brüllte das Haus zusammen. »Leo! Was war das für ein Krach da draußen? Das klang, als hätte jemand die Nachbarskatze totgeprügelt. Wenn das wieder diese Schlampe ist…! Ich schwöre dir…!«

Wieder presste das Mädchen den Finger auf die Lippen.

Schritte traten an die Tür, die von der Waschküche ins Innere führte. Ein Mann antwortete der Truller. »Ich weiß immer noch nicht wen du damit meinst, Schatz.«

Die Frau fluchte.

Die Schritte hielten direkt vor der Tür, hinter der sich Roland und die Frauen versteckten. Der Mann namens Leo auf der anderen Seite flüsterte. »Wendy, bist du das?« Leo klang reumütig. »Du musst gehen.« Kurze Pause. »Die Schichten meiner Frau haben sich nicht geändert…Ich verzeihe dir. Du hast das Geld gebraucht, ich weiß. Ich vermisse dich.«

Die Schritte entfernten sich wieder.

Lita enthielt sich eines Kommentars, wie auch Roland. Es war ihm egal. Alles war ihm egal. Er wünschte sich dieser Rothaarigen nie begegnet zu sein. Sein altes Leben…Rufus. Das war alles was er wollte.

Stürmisch trat Lita zur Ausgangstür.

Roland packte sie am Arm und hielt sie auf. »Zur Hölle! Wer war das eben auf der Straße?«

Litas Augen funkelten ihn finster an. »Der Jäger.«

 

Wendy sank an de Wand in der Waschküche zu Boden. Am liebsten wäre sie weiter gesunken. Tief hinein in die Erde. Fern ab von all dem Tod und den Menschen. Sie hatte Niemanden und sie brauchte Niemanden. Jeder der ihr begegnete brachte nur weiteren Schmerz.

Der Bulle rieb sich die Stirn unter dem Hut. »Großartig. Die haben einen Killer auf uns gehetzt.«

Eine Hand berührte Wandys Schulter. Der Bulle drückte sie. »Hier, Mädchen, Wenigstens du sollst diese Nacht überleben.«

Er holte eine Pistole hervor, die er sich hinter den Gürtel geklemmt hatte und reichte sie Wendy.

Zögernd nahm sie die Waffe. Sie war klein, aber schwer. An ihr klebte Blut. Wendy erkannte sie wieder. Mrs. Turner hatte sie im Leichenschauaus auf sie gerichtet.

Lita öffnete die Ausgangstür. »Los jetzt!«

 

Unterwegs zeigte Roland dem Straßenkind, wie mit der 41er Darringer, einer Handtaschenpistole, umzugehen war. Er hielt es immer noch für eine schlechte Idee, aber sie musste sich wehren können.

Erneut zwängten sie sich durch die Gassen von Arkham.

In der Miscatonic Universität brannten noch vereinzelte Lichter. Einige Studenten und Professoren arbeiteten bis in die Nacht. Für sie waren die Türen immer aufgeschlossen.

Ein Student, beladen mit wissenschaftlichen Wälzern, grüßte, als sie an ihm vorbei traten. Lita nickte Roland beeindruckt zu.

Dieser Weg führte zum Flügel der Theatergruppe. Ganz gleich wie verschwitzt und blutverschmiert sie waren. Theatralik gehörte zum Schauspiel. Niemand sprach sie auf ihr Äußeres an. Roland kannte sich hier gut aus. Studenten waren alles andere als Unschuldig. Mehr als einmal musste er hier ermitteln.

Zielstrebig schlängelten sie sich durch die verlassenen Flure. Hin zum Büro von Professor Doktor Warren.

Wie erwartet war die Tür verschlossen. In diesem Flügel waren ihnen weder Menschen noch brennende Lichter untergekommen. Der Gebäudetrackt war finster, ebenso wie Rolands Geduld. Er trat die Tür ein.

 

Der Bulle knipste im Büro das Licht an und es erschien ein langweiliges Büro.

Lita betrachtete das ausgestopfte Frettchen auf dem Schreibtisch und der Bulle durchwühlte sämtliche Unterlagen.

Wendy sah teilnahmslos zu und hörte ein Geräusch.

Es klang nach einer Geschäftigen Küche und kam aus der Tür, die ins Labor nebenan führte. Sie trat heran und drehte den Knauf.

Offen.

Hinter der Sicherheitstür war es deutlich lauter. Es brodelte und zischte. Wendy sah hinein und ihr stockte der Atem.

Auf einem Tisch, vor dem im Kittel gehüllten Professor, lag eine Leiche. Mit einer Säge trennte er dem Leichnam den Penis ab. Pfeifend warf er das Glied in einen Behälter mit köchelnder, grüner Substanz. Augen und Gehirne schwammen in nebenstehenden Gläsern.

Der Professor erblickte Wendy. »Was tun Sie hier?«

Mit offenem Mund stand sie wie ein Wasserspeier da.

Drohend fuchtelte der Professor mit der Säge. »Ich hoffe für Sie, dass Sie geschickt wurden.«

Ihr Kiefer zitterte.

Resigniert atmete der Professor aus. »Dann wird es jetzt hässlich.«

Er tauschte seine Säge gegen ein Beil und kam auf sie zu.

Wendy zog die 41er Darringer aus der Tasche richtete sie auf ihn.

Er stockte.

Sie drückte ab.

Klick.

Wendy blickte auf die Waffe. Sie hatte vergessen sie zu entsichern.

Mit erhobenem Beil stürzte sich der Professor auf sie.

 

Vertieft in den Dokumenten hörte Roland merkwürdige Geräusche. Lita war nicht mehr im Büro. Sie stand auf dem Flur schmiere. Er sah sich um und entdeckte die offene Labortür.

Er schnellte hindurch und sah Dr. Warren mit erhobenem Beil anstürmen.

Sein Gehirn war zu müde, um sich die Warum-Frage zu stellen. Seine Geduld war verdammt noch mal am Ende.

Roland stieß das Gör beiseite und hämmerte dem Professor seine Rechte in die Fresse.

Der Kittel sackte in sich zusammen, als entschwand ihm der Inhalt. Ohnmächtig krachte Dr. Warren zu Boden.

Newsletter abonnieren

Wie hat es dir gefallen? Lass es mich wissen und schreibe einen Kommentar!

 

Lebe deine Leidenschaft,

 

Dein Viktor

 

Kommentare: 0