Arkham Horror

Die Nacht des Zeloten

© Fantasy Flight Games

Teil 2: Mitternachtsmasken

 

XII Geister

 

Es war wie eine schlechte Horrorgeschichte. Nichts auf der Welt hätte Wendy überreden können, diese Nacht auf einem Friedhof um her zu schleichen. Außer eines.

Drew versprach ihr die Geheimwege im Sanatorium zu zeigen, sobald sie den Kult ausgerottet hatten. Das war Grund genug das Nest der Kaputzenschweine zu finden.

Ausnahmsweise freute sich Wendy über ihren Begleiter. Mit den Pistolen fest in den Fäusten pirschten sie zwischen den schief stehenden Grabsteinen her.

Der Wind flüsterte über den Ruhenden und ließ das Scharnier einer alten Hütte mit Gartenwerkzeug quietschten. Etwas berührte ihre Schulter und mit einem erstickten Schrei fuhr sie herum. Sie streckte mit beiden Händen die Waffe vor sich aus, doch der Polizist packte sie ehe der Lauf in sein Gesicht zeigen konnte.

»Psst!« Er schüttelte den Kopf und drückte ihre Arme runter. Einen Finger legte er auf seine Lippen und zeigte dann auf die Kapelle. Im Schatten der Nacht war das kein kleines süßes Kirchenhaus mehr. Würden Fledermäuse aus den Fenstern flattern, könnte es Draculas Residenz sein. Der Polizist formte mit seinen Händen einen Ball vor seiner Brust und gab ihr zu verstehen, dass sie es einkreisen sollten.

Das Gebäude war dunkel. Im alten Gemäuer würde es durch die Schlitze leuchten, wenn dort Licht brannte. Er nickte ungeduldig in Richtung Vampirschloss und machte Anstalten sich von ihr zu entfernen, um mit der Umzingelung zu beginnen.

Wendy trat ihm nach und schüttelte dem Kopf. Sich zu trennen war sicherlich keine gute Idee. Wenn sie den Polizisten schnappten, dann wäre sie allein. Wieder. Da trug der Wind ein Geräusch mit sich und ließ es von den Grabsteinen widerhallen.

 

Gott sei Dank! Roland atmete erleichtert aus. Jetzt gab es ein Ziel und sie brauchten sich nicht zu trennen. Gemeinsam schlichen sie um die Kapelle und folgten dem Geräusch. Ein monotones Scharren.

Hinter dem Gebäude erstreckte sich ein weiterer Friedhof. Ein alter, fast vergessener. Das Gras ragte stellenweise über die bröckeligen Gedenksteine und knorrige Büsche hielten die lebendigen Störenfriede fern. Doch ein hart getretener Pfad lud auf die wild bewachsene Lichtung ein. Der alte Friedhof grenzte an den Wald und verschmolz förmlich mit ihm. Das Scharren kam Eindeutig aus dieser Richtung.

Roland hasste in dieser Nacht seinen Instinkt, der ihn unweigerlich antrieb. Und Friedhöfe. Hier her gehörten nur die Toten. Hier her, wo sie ruhten und niemanden mehr belästigen konnten. Jetzt war es Wendy, die ihn drängte weiter zu gehen.

Offensichtlich hatte sie eine Mordlust gepackt und er glaubte sie zu verstehen. Schließlich hatte es auch Rufus erwischt. Nur, dass er nicht mehr lebte. Der Gedanke packte auch seine Mordlust.

Er zwängte sich vor Wendy und stolzierte den Trampelpfad entlang. Schließlich war er der Polizist, der Mutigere.

 

Wendy folgte dem Polizisten. Endlich hatte er sich wieder in Bewegung gesetzt. Wie ein Schutzschild pirschte er auf Zehenspitzen voran. In der Mitte angekommen sah sie über dem Kopf des Polizisten etwas fliegen.

»Polizei! Rauskommen!«

So viel wie nötig trat Wendy hinter dem Schutzschild hervor und gab ihm Rückendeckung mit ihrer 41er Darringer.

Wieder flog etwas durch die Luft.

Wie eine Maschine erfolgten die Geräusche im monotonen Rhythmus. Scharren, Keuchen, Flatsch.

Vor ihnen war ein Loch im Boden. Ein alter Mann hockte darin mitsamt einer Öllampe und grub.

»Polizei! Rauskommen, habe ich gesagt!«

Die Maschine stockte und der Alte sah zu ihnen auf. Wieder blickte ihnen eine Knochenmaske entgegen. Passenderweise trug der Leichenscharren den Schädel eines Menschen vor seinem Gesicht. »He? Ach, ihr seid es.« Er bückte sich und steckte den Spaten erneut in die Erde.

Was zum...?

Der Polizist schrie lauter, um das Scharren zu übertönen. »Raus, sonst schießen wir!«

Er schielte über die Schulter und dämpfte seine Stimme. »Hast du sie endlich entsichert?«

Ein genervtes Stöhnen drang aus dem Loch. Der Alte stellte die Öllampe oben auf die Kannte, warf den Spaten aus dem Loch und kraxelte hinterher. Flotter als seinem Alter zuzutrauen wäre. Oben angekommen klopfte er seine Latzhose ab. »Sie stören meine Arbeit, Agent Banks. Dabei mache ich das doch nur für Sie.«

Das Polizisten stotterte. »Für...was?«

Wendy fuchtelte mit ihrer Pistole. »Keine Spielchen!«

Der Totengräber bewaffnete sich mit dem Spaten. »Na der Tunnel muss fertig werden.«

 

Frage-Antwort. Schema-F, wie aus dem Lehrbuch. Der eingebrannte Agent in Roland stabilisierte seinen Geist. »Was für ein Tunnel, Mr. Collins?«

Mr. Collins schnalzte mit der Zunge. »Na der, der zum Keller unter Ihrem Haus führt.«

Was sollte das? Da war doch längst ein Tunnel.

Collins schlug den Spaten wie ein Rowdy einen Basebowlschläger in die Hand. »Sie können Ihre Unschuldsmiene fallen lassen, Agent Banks. Wir wissen Bescheid. Nun müssen wir damit leben.«

»Ich verstehe nicht...«

»Sie hätten sich uns anschließen sollen, dann würden Sie verstehen. Offensichtlich wissen Sie nicht was sie gerufen haben.« Collins schüttelte den Kopf. »Zu tief gegraben, was Agent Banks. Wie ein Goldschürfer der Diamanten wegschmeißt. Hm...Weltenverschmelzung, Zeitverzerrung, die Stimmen in Ihrem Kopf. Umordoth wird nicht gerne gerufen. Wussten Sie nicht, was? Jetzt ist er wütend und will Rache, der Verschlinger aus der Tiefe. Schon bald wird er seine Diener durch das Portal schicken. Und dann wird Blut fließen. Aber Ihres, nicht unseres. Darum muss ich den Tunnel graben, damit seine Diener direkt zu ihnen finden. Schauen Sie nicht drein wie ein Goldfisch. Was bedeutet schon Zeit für die großen Alten? Für Umordoth, dem Weltenwandler. Bei Ihrem Anwesen war es gestern, jetzt ist jetzt und sein sich öffnendes Portal ist morgen. Und doch alles im gleichen Augenblick.«

 

Der Polizist glotzte tatsächlich wie ein Goldfisch und dieses Geschwafel bereitete Wendy Kopfschmerzen. »Ich schieß dem Alten ins Knie und dann kannst du deine schlauen Polizeifragen stellen. Wir müssen das Nest finden.«

Sie zielte auf seine Beine, da packte sie ein kaltes Gefühl im Nacken.

Langsam, wie ein verrostetes Ventil, drehte sie den Kopf zum Wald. Vor Schreck wollte sie in die Luft springen und fortfliegen, doch der Nachhimmel presste sich wie Blei auf die Schultern.

Zwischen den Bäumen...da stand er...und beobachtete sie...der Schatten...

Langsam trat er auf den Friedhof. Dann plötzlich sprintete er wie eine Pistolenkugel auf sie zu.

Versteinert sah sie ihn auf sich zu preschen.

Er hat Mama geholt. Jetzt holt er auch mich.

 

Rechts und links neben Mr. Collins stiegen Dunstschwaden aus zwei Gräbern. Die Nebelschwaden waberten auf Roland zu und formten sich zu festen Gestalten. Noch ehe er die Silhouetten erkennen konnte, wusste er, was er da vor sich hatte.

Die Muskeln in seinen Beinen verkrampften sich zu zwei Besenstielen und er stolperte rückwärts.

Aus dem einen Nebelgeist knallte es. Eine Gürtelriemen. Und aus der anderen erklang eine Stimme. »Zehn.« Mutter. »Zehn. Sonst lernt er es nicht.«

Roland drehte sich um und rannte los. Er stieß gegen Wendy und stolperte. Sie waren aneinander gerannt. Beide in Richtung Ausgang. Aber ihre Schritte waren kräftiger und entschiedener und Roland fiel. Er rollte sich durch das hohe Gras, kam aus der Drehung sofort auf die Füße und flüchtete.

Das Mädchen voraus, Roland hinterher. Sie rannten. Rannten, als wäre der Teufel hinter ihnen her.

Plötzlich reißt etwas dem Mädchen die Beine weg. Sie macht einen halben Salto und landet mit dem Gesicht in der Wiese. Verschwindet halb darin.

Roland versucht seine Beine zu stoppen, langsamer zu werden, auszuweichen. Zu spät.

Etwas kracht gegen sein Schienbein und er stürzt kopfüber auf Wendy.

Wie ein dicker, schwerfälliger Käfer dreht er sich auf den Rücken und sieht eine lebendige Fackel über sich.

Lita wirft einen Ast über den Friedhof und entfernt sich von ihnen. »Ihr Nichtsnutze. Das sind nur Illusionen. Lebt damit.«

Halb aufgetaut richtet Roland seinen Oberkörper auf. Wendy liegt neben ihm zusammen gekauert wie ein Embryo und versteckt ihr Gesicht in den Händen. »Nein! Verschwinde! Lass mich!«

Collins und Lita wechseln Worte. Unverständlich, aber Roland kennt diesen Ton der Hexe, diese mörderische Stimmlage.

Roland streckt seine Hand aus. »Nein!«

Schmatz. Ein erstickter Schrei und wieder schmatz. Der Totengräber fällt in seine Grube und Lita wischt die Machte im Gras ab.

 

»Weg! Bleib Weg!« Um Wendy herum wird es stiller und auch ihre Stimme schwächelt. Neben ihr steht jemand auf und bekannte Stimmen streiten miteinander.

Sie nimmt die Hände aus dem Gesicht und lugt hervor. Da ist keiner mehr. Hastig blickt sie in alle Richtungen und springt auf. Weg. Der Schatten ist weg. Statt Panik klingelt das Gebrüll des Polizisten in ihren Ohren.

»Ich hatte ihn bereits soweit! Er war dabei auszupacken!«

Die Machete surrt zurück in die Gürtelhalterung und Lita stößt ein hässliches Lachen aus. »Ja, klar. Und wo wolltest du dann hin? Schisser!«

Wenn sie streiten durften waren sie offensichtlich Glücklich und scherten sich einen Dreck um Wendy.

»Wie haben sie uns gefunden?«

Lita stemmte die Fäuste in die Hüften. »Gar nicht. Ich war dem Jäger hinterher.«

»Aha. Erfolglos nehme ich an. Er konnte noch rechtzeitig Alarm schlagen. Die wussten von Drews Versteck und hätten ihn beinahe vor uns erwischt. Und wo ist er jetzt?«

»Mein Gott.« Lite wand sich halb von ihm weg. »Was wollen Sie von mir? Ihr scheint ja zurecht gekommen zu sein...bis hierhin. Hoffentlich funktioniert ihr Schnüffelnase noch. Ich habe ihn nicht weit von hier verloren. Er war zielstrebig. Hat wohl wieder einen Tötungsauftrag bekommen.«

Wendy konnte es nicht glauben. Der Schatten konnte sich nicht wie in Luft aufgelöst haben. Sie witterte noch immer Gefahr. Irgendwo lauerte er und wartete auf seine Gelegenheit. Sie sah sich um. Ihr Amulett glühte.

 

»Collins!« Rolands Instinkt hatte es sofort gewusst. »Jeder der mit uns in Kontakt kommt ist ein potentieller Verräter. Er ist der einzige den Drew kennt. Sie müssen gewusst haben, dass wir hierher gehen.«

Hinter ihm stieß Wendy einen Schrei aus.

Roland wirbelte herum und blickte an ihr vorbei.

Da kam er.

Der Wolfsschädel glänzte im Mondlicht. Gemächlich wanderte er über den Trampelpfad und er war nicht allein.

Zu beiden Seiten begleiteten ihn mannshohe Monster, mit Flügeln und Tentakeln anstelle eines Gesichtes.

 

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Lebe deine Leidenschaft,

 

Dein Viktor

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