T.I.M.E. Stories

Die Nervenheilanstalt

© SPACE Cowboys

Versuchsreihe I

 

Kaito 1. Einsatz

 

Wer auch immer die Drähte gelegt hatte, er verstand etwas von seinem Handwerk. Für Kaito war es ein leichtes, aus dem Blumentopf und dem Wasserhahn improvisiertes Werkzeug herzustellen. Er öffnete die Schaltbuchse an seiner Tür. Diese Schwachhirne hatten nicht daran gedacht, was sie alles aus dem Zimmer entfernen mussten, damit es einer echten Gefängniszelle glich.

Das digitale Signal, welches seine Tür öffnete, konnte leider nicht manuell überbrückt werden. Dafür konnte er die Hydraulik der Gleittür lahmlegen.

Was für ein Spaß. Er stellte sich die verärgerten Gesichter unter den Masken der Wärter vor, wenn sie ihn holen kamen.

Der Spaß hielt allerdings nicht lange an. Kaito machte es sich auf seinem Bett bequem, als er die Eskorte vor seinem Zimmer hörte. Zuerst klopften sie, dann brüllten sie. Leider hatte Kaito kein Popcorn. Es war einfach zu unterhaltsam. Dann war es plötzlich still.

Es donnerte an die Tür und Kaito fiel vor schreck fast aus dem Bett. Fuck! Ein Rammbock!

Ein paar Schläge mehr und die Tür platzte krachend auf. Sofort stürmte eine Mannschaft an Wärtern hinein und packten sich ihn.

Sie rissen ihn aus dem Bett und pressten ihn zu Boden. »Verpisst euch, ihr Wixer!« Eine Faust schlug ihm auf die Zähne. Heiß schoss Blut aus dem Zahnfleisch. Seine Beißer fühlten sich an wie wackelnde Eiszapfen, aber zum sprechen brauchte er nur seine Zunge. »Arschloch!«

Schlagstöcke klappten aus. Jetzt war es doch wie im Knast.

Eine ruhige Stimme hinderte die Einsatzkräfte am Gebrauch der Waffen. »Aufhören.«

Kaito schielte vom Boden hinauf. Der Ausbilder in seiner dunklen Kluft beendete das Handgemenge. »Nehmt die Handschellen, die sie mitgeliefert haben.«

Die darauffolgenden zwei Tage waren die Hölle. Sie verpassten ihn für jede Kleinigkeit einen Stromschock über die Handfesseln. Zu lange im Bett, Schock. Zu nach an der Wand, Schock. Außerhalb des Kamerawinkels, Schock. Sogar eines Nachts schockten sie in mitten im Schlaf.

Am Morgen danach hörte er Schritte vor der Tür. Er stellte sich davor und wartete. Sie öffnete sich und zwei Wärter begrüßten ihn. Kaito hob sein Bein und trat einem vor die Brust. Der überrumpelte Wärter stürzte und Kaito schrie hinterher. »Pisser!«

Auch der zweite sollte seinen Stiefel spüren, aber er hatte den falschen umgetreten.

Der stehende Wärter drückte auf einen Knopf am Unterarm, schock.

Sie packten ihn und zerrten Kaito auf die Beine. Unbarmherzig schubsten sie ihn in den Flur und bugsierten ihn durch die Gänge. Hinter einer Abbiegung trafen sie auf zwei weitere Wärter und einer Frau, ebenfalls im orangenen Overall.

Aber es sah nicht danach aus, als würden sie die Frau zum kooperieren zwingen müssen. Im Gegenteil. Ihre Wärter hörten ihr aufmerksam und untergeben zu.

Kaitos Mundwerk war offensichtlich schneller, als die Auffassungsgabe seiner Folterknechte. »Was soll der Scheiß?!«

Schock. Er und die Frau stürzten zu Boden. Kaito rappelte sich auf. Der Frau wurde aufgeholfen.

Den Wärtern der Frau war die Situation unangenehmen und sie drängten weiter zu marschieren.

Unterwegs zur Basis stießen zwei weitere Strafgefangene zu ihrer hübschen kleinen Truppe hinzu. Kaito machte sie sogleich mit seinem Mundwerk und den Stromschocks bekannt.

Kurz bevor sie das Team Orange in die Kapseln stopften, kam Kaito die Frau nah, auf die er zuerst gestoßen war. Ihre Haare waren zerzaust und ihr Blick versprühte denselben Scharm, wie eine heransausende Faust. »Pisser wie dich, zerquetsche ich mit dem kleinen Finger. Noch ein Schock und ich reiß dir den Arsch auf.«

Kaito mochte die Frau.

Die Kapseln schlossen sich und fuhren in die Waagerechte. Selbst das computeranimierte Gesicht auf dem Innendisplay war vor Kaito nicht geschützt. »Fick dich, Fotze! Lass mich hier raus! Lasst mich raus, ihr Hurensöhne!«

Licht, Wummern, Dunkelheit, Ruhe, Lärm.

 

Kalter Wind wehte in Kaitos Gesicht und er stand plötzlich wieder auf den Beinen. Nicht weit von ihm entfernt jubelten einige Männer.

Was zum Fick…Sein Augenlicht kehrte zurück. Er schielte an sich herunter und erblickte einen Anzug wie aus den Geschichtsbüchern. Mantel, Weste, Krawatte, nichts fehlte. Er trug sogar einen Hut.

Es schüttelte ihn vor Kälte. Er befand sich draußen auf einem Innenhof. Zu zwei Seiten war der Platz von Hauswänden und zu den anderen beiden mit Mauern umgeben. Wäre alles Schwarz-Weiß und das Bild würde flimmern, dann wäre die Zeitreise komplett. Wenn Kaito richtig in der Schule aufgepasst hatte, dann müsste er sich jetzt zwischen den ersten beiden Weltkriegen befinden.

Er blickte auf ein Gittertor in der Mauer mit zwei Wachposten. Er musste lachen. Die lächerlich gekleideten Wachen mit ihren Schnauzbärten blickten ihn finster an, aber blieben auf ihrem Posten. Kaito fasste sich ins Gesicht und erstastete bei sich selbst ebenfalls ein Bärtchen auf der Oberlippe. Na toll.

Eine weitere Witzfigur im Smoking und mit Zylinder drehte sich um eine Laternenstange, wie ein Karussell. »Hui, Hui. Dideldudelei. Hui, hui.«

Geil, hier gehöre ich hin.

Von hinten rief ihm jemand zu. »He du.«

Kaito drehte sich in die Richtung aus der er den Jubel gehört hatte. Drei Männer standen mit Schlägern auf einer Wiese und spielten etwas. Einer von ihnen winkte ihm zu. »Hast du Lust auf eine Partie Krocket?«

Er hatte keinen blassen Schimmer was das war. »Fuck, ja!«

Die Männer, mit Hemd und Hosenträger, verstanden nicht, was Kaito sagte, aber das war in der Irrenanstalt scheinbar Alltag.

Sie gaben ihm einen Schläger, der wie ein Hammer am Besenstiel aussah und erklärten die Regeln. Ein Ball musste mit einem Schlag durch möglichst viele Bögen geschlagen werden, die in die Wiese gesteckt waren.

Ja Mann, diese Welt ist geil.

Die Bögen standen versetzt und die Männer taten sich recht schwer daran den Ball mit nur einem Schlag durch zwei der Törchen hindurch zu stoßen. Dabei standen sie dicht hintereinander. Kaito stampfte die Matschbirnen mit Leichtigkeit in Grund und Boden. »Bämm! Nehmt das, ihr Säcke! So trifft man alle Tore mit nur einem Schlag.«

Einen der Männer machte sein Erfolg unruhig. »Der Schummelt!«

Der zweite hob seinen Schläger. »Dem poliere ich die Fresse!«

Aber der dritte lenkte ein. »Jungs, ich habe eine Idee.« Offensichtlich war er der Rudelführer, denn die anderen beiden hielten sich zurück.

Der Ideenschmied nahm die Törchen und platzierte sie vollkommen wahllos. »So. Wenn er wieder durch alle mit nur einem Schlag trifft, dann ist er ein Schummler.«

Kaito grinste hämisch. »Ihr Goldfische, dann zeig ich euch mal was die Zukunft auf dem Kasten hat.« Er berechnete Ein- und Ausfallwinkel und schlug die Kugel.

Wie in einem Flipper stieß sie gegen die Innenkanten der Bögen und durchquerte alle im Zickzack.

»Zauberschläger!« Die Schwachmaten griffen nach Kaito und versuchten ihm den Schläger zu entreißen. Er ließ ihn los und beobachtete genüsslich, wie sich um ihn kloppten.

Einer zog dem anderen den Schläger über den Kopf und sofort stürmten sie Wachposten herbei. Sie packten die drei Männer am Kragen und führten sie ab. Der Zylindermann beendete seine Karussellfahrt und hüpfte ihnen hinterher.

Kaito blieb allein zurück.

Was für ein geiler Ort! Was mache ich als Nächstes? Abhauen!

Er freute sich über seine grandiose Idee und wollte zum nun unbewachten Gittertor stolzieren, aber es ging nicht.

Die Gedanken seines Wirts nahmen an Lautstärke zu. Wo sind alle? Hallo, ist da jemand?! Bin ich allein?! Nein, bitte nicht!

Unwillkürlich schrie Kaito aus vollem Hals. »Hilfe! Hilfe! Meine Beine, ich kann sie nicht bewegen! Wo seid ihr alle?! Lasst mich nicht allein! Warum hilft mir denn keiner?! Lasst mich nicht allein!«

Der Wirt musste den Männern hinterher und wollte laufen, trotz Überzeugung, seine Beine wären gelähmt. Doch auch ihn hielt etwas auf.

Kaito verschmolz seine Gedanken mit denen seines Wirts und widerstand dem fremden Willen, den Männern hinterher zu laufen. Weinend ließ er sich auf die Knie fallen.

In dem Moment indem er auf die Wiese eintreffen sollte, fiel er stattdessen in eine schwarze Leere.

 

Die Kapsel öffnete sich und Kaito sah in die verachtungsvollen Augen von Ausbilder Bob. »Zwei Tote, ein Versager und ein Totalausfall. Abführen!«

 

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Lebe deine Leidenschaft,

 

Dein Viktor

 

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