T.I.M.E. Stories

Die Nervenheilanstalt

© SPACE Cowboys

Versuchsreihe I

 

Noah 1. Einsatz

 

Die anderen drei Strafgefangenen in ihren orangenen Overalls waren von je zwei Wärtern begleitet. Noah hatte vier.

Sie holten ihn aus seinem Zimmer und führten Team Orange auf dem Flur zusammen. Ihr Ziel war Noahs persönliche Hölle, aber lieber rang er mit dem Teufel höchstpersönlich, als in dieser Luxussuite zu hocken, die seine Zelle darstellen sollte. Statt einem harten Boden und mit der Nase in Pisse zu schlafen, steckten sie ihn in Federn. Sein aktuelles Gefängnis war einfach eine ausgeräumte Wohneinheit eines Agents.

Agents! Dieses Wort löste einen Kotzreiz in ihm aus. Regelmäßig warmes Essen, weiche Betten und Freizeitangebote. Von wegen, moderne Soldaten. Sie waren so modern, wie ihr erfundener Feind.

Die zwei Frauen neben ihm, trugen ihre Handschellen mit Würde. Eine tat, als wären sie Luft, die andere, als hielt sie ein Ticket in ihren Händen. Sollte er sich doch noch dazu entschließen, den Laden hier zu kapern, würde er die Frauen am leben lassen. Sie hatten mehr von einem Soldaten als diese flippigen Agents.

Aber der dritte Gefangene, dieser Asiatenbengel, ihm würde Noah am liebsten die Fresse polieren. Er konnte einfach nicht den Mund halten. Und er kannte die Konsequenzen, schlitzäugiger Bastard. Noah musste ihm zuhören, ob er wollte oder nicht. Der eingepflanzte Translater ließ sie alle Sprachen der Welt verstehen.

Sie bogen um eine Ecke und sahen vor sich das was sie die Basis nannten. Der Asiate riss sein Maul auf. »Fickt euch! Ich geh da nicht rein!« Kaum hatte er den Satz beendet, war der Flur durchströmt von Schreien.

Die drei Strafgefangenen warfen sich kreischend zu Boden. Noah blieb zähneknirschend stehen.

Ein falsches Wort, eine falsche Bewegung und die Wärter drückten auf den Knopf am Unterarm. Die Folge davon war ein Elektroschock, ausgehend von den Handschellen. Und Einzelbestrafungen gab es hier nicht.

Wie viele Asiaten Noah bereits auf dem Gewissen hatte, wusste er nicht so genau, aber bald könnte es einer mehr sein. Oder er wartete und eine der beiden Frauen würde es für ihn erledigen.

Die Wärter hievten ihre Sklaven auf die Beine und schubsten sie in die Basis. Dem Herzstück der T.I.M.E. Agency. Sie war groß wie ein Tanzsaal und Wissenschaftler eilten umher wie trotzige Versager, denen ihre potentielle Tanzpartnerin einen Korb gegeben hatte.

Die Wände bestanden restlos aus Monitoren und warfen Hologramme in den Raum. Klugscheißer in weißer Uniform stocherten in den Hologrammen rum und bewegten sie. Alles wirklich sehr wissenschaftlich und wichtig.

Aus der Mitte der Basis rankten metallische Greifarme, an denen ovale Kapseln befestigt waren. Groß genug, dass selbst ein Dreimetermann hineinsteigen könnte. Vier davon waren offen.

Ein Mann in schwarzer Uniform stand bei den Kapseln und erwartete Team Orange. Bob, dieser dunkelhäutige Dreckskerl. Er sah sie dermaßen verachtend an, dass Noah ihn einfach mögen musste. Lange war es her, dass er einem gestandenen Mann begegnete. Seines gleichen waren früher nicht leicht zu töten.

Beim Sprechen blitzten nicht einmal seine Zähne hervor. Es musste Bob Unmengen an Überwindung kosten, in ihrer Gegenwart zu sprechen. Mehr als ein Wort hatte er für sie nicht übrig. »Anschließen.«

Schroff bugsierten sie ihn und die drei anderen Strafgefangenen in die Kapseln. Die Klappe schloss sich zischend und Noah fühlte sich, wie in seiner Einzelzelle. Nur dass es hier nicht dunkel war und einem die Ratten zwischen die Zehe schissen. Technischer Schnickschnack blinkte überall und die komplette Innenseite der Klappe war ein Display.

Es summte und Noah spürte, wie sich das Behältnis, in dem er hockte, bewegte. Er wurde in eine liegende Position gebracht und auf dem Bildschirm vor ihm erschien ein Frauengesicht. Sie ratterte ihre Informationen runter wie eine Stewardess, aber er hatte keinen Nerv ihr zuzuhören.

Die Lichter begonnen wild zu funkeln und um seinen Kopf herum hörte Noah ein Wummern. Etwas schweres kreiste um ihn herum und beschleunigte. Erst war es einschläfernd, dann schlagartig ein Tinnitus. Ein stechender Klang drang durch seine Ohren in sein Hirn und als selbst Noah den Schmerz nicht mehr leugnen konnte, war alles schlagartig schwarz. Und leer.

 

Noah schwebte in einem Raum voller Nichts. Allein und wohltuend. Doch er bekam Besuch.

Etwas griff nach ihm und fügte sich in ihm ein. Es pulsierte und kannte nur einen Gedanken: Leben. Ihr Zusammenschluss erleuchtete den Raum und weitere Fühler streckten sich nach ihm.

Der erste erreichte ihn und Noah konnte Spüren. Er stand auf seinen Beinen. Ein weitere Erreichte ihn und er konnte sehen. Das menschliche Auge, Wohltat der Natur und Terrorrist für alle anderen Sinne. Sobald ihn das Tageslicht blendete, geriet das Koppeln der Übrigen Sinne in den Hintergrund.

Blinzelnd blickte Noah an sich herunter und sah sich vor einer Holztür. Wann hatte er je eine Tür aus Holz gesehen. Schnell griff er sich ins Gesicht und stellte erleichtert fest, dass er keine Nase besaß. Er war er selbst.

Den Knorpel brauchte er nicht, um den Geruchsschwall von rohem Fleisch, Kohl und Eintopf aufzusaugen, der ihm mit öffnen der Tür entgegenschlug. Doch sie schwang nicht von allein auf. Noah selbst schob sie auf und er konnte nichts dagegen tun.

Er wollte in den Türspalt hineinschauen, aber was war mit seinem Auge los? Eines von beiden funktionierte nicht. Mit der Hand die an seiner fehlenden Nase grabschte fuhr er sich durchs Gesicht. Da war eine Augenklappe. Und warum fühlte sich seine Haut so glatt an? Seine Finger tasteten intensiver und spürten die Zähne hinter der Wange. Sein halbes Gesicht, es war verbrannt und seine Nase, sie war nicht abgeschnitten, sondern geschmolzen. Was zur Hölle? Das war nicht sein Körper!

Der Wirt in dem er steckte hatte deutlich mehr Kontrolle über diese fleischliche Hülle und betrat den Raum hinter der Tür.

Es war, als stünde Noah in einer Filmrequisite von einem Streifen, der zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts spielte. Er stand in einer Küche und alles hier war wie vor zweihundert Jahren.

Zwei Küchenschergen wuschen Geschirr in einer Wanne mit dampfendem Wasser ab und zwei weitere rührten in Töpfen, die auf einem mit Holz befeuerten Herd standen. Die Rührenden tuschelten. Bei dem Arbeitslärm verstand Noah nur Wortfetzen. »…erwischt…Pavillon…Arzt und die Schwester…«

Neben ihm bewegte sich ein Berg von einem Mann. Ein Metzger in Form eines Schweines zerteilte eines der Tiere dem er so ähnlich sah mit einem Hackbeil.

Im Kopf des Wirts kämpften zwei Kräfte um die Vorherrschaft. Die menschliche Hülle zappelte bei diesem mentalen Gerangel und stieß an Töpfe.

Das Küchenpersonal wand sich zu Noah um. Einer der Abspüler hatte ein schaumiges Messer in der Hand und blaffte ihn an. »Was machst du hier? Geh sofort in deine Unterkunft zurück!«

Der Metzger legte einen Finger auf die Lippen und schüttelte den Kopf. Aber außer Noah bekam es keiner mit.

Noah zögerte und die Küchenscherge stapfte auf ihn zu. »Raus hier!«

Dummerweise hatte der Knabe nicht das Messer zurückgelassen. Zum ersten Mal waren sich beide Geister in Noahs Wirt einig und ihr Überlebensinstinkt synchronisierte sich. Eine schnelle Handbewegung und der Küchenjunge sank entwaffnet zu Boden. In seinem Bauch klaffte eine Stichwunde.

Schreie schallten in dem engen Raum. Noah begriff das alles nicht. Das ist nicht real. Das kann nicht real sein. Real oder nicht, das Gekreische brachte ihn um den Verstand.

Der Junge krümmte sich auf den Fliesen und versuchte mit den Händen den Blutschwall zu stoppen, der sich auf seine Schürze ergoss. Noah beschloss dem Bengel den Gnadenstoß zu geben. Er hatte es nicht verdient so zu leiden.

Doch der Anblick des sterbenden warf ihn in eine Traumwelt. Eine Welle an Erinnerungen überflutete seine Sinne. Fremde Erinnerungen.

Bombenexplosionen erschreckten ihn und Gewehrschüsse donnerten neben ihm. Granatsplitter zischten an ihm vorbei und die Detonationen betäubten sein Gehör. In Schützengräben starben Kammeraden und bei jeder Explosion flogen Körperteile durch die Luft.

Sein Wirt übernahm die Kontrolle. Er sprang auf den Blutenden zu und brüllte ihn an. »Los atme, stell dich nicht so an, atme!«

Die Küchendame stolperte Rückwärts und warf einen Topf vom Herd. »Oh Gott, er wird uns alle umbringen!«

Der Fremde Verstand in Noahs Kopf überlegte womit er die Wunde verschließen könnte. Da rammte sich etwas tief in seinen Nacken und sofort war alles schwarz und Noah war zurück im leeren Raum. Aber nicht lange. Mit einem Hammerschlag kehrte er zurück in seinen eigenen Körper.

 

Das Licht blendete. Bob stand mit verschränkten Armen vor Noah. »Abführen.«

Zwei Wärter packten ihn und zerrten ihn aus der Kapsel.

Aus dem Augenwinkel heraus sah Noah zwei Wissenschaftler, die sich die Aufzeichnungen seines Einsatzes anschauten. »Hat der Dicke ihm das Beil in den Nacken gerammt?« Der andere Nickte.

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Lebe deine Leidenschaft,

 

Dein Viktor

 

Kommentare: 1
  • #1

    Sippi (Samstag, 18 April 2020 19:36)

    Puh, das ist ziemlich spannend was hier in dem Einsatz von Noah alles auf einmal passiert. Ich habe mich stark in Noahs Realität eingefühlt und bin ganz erfreut von all den Sinnesreizen denen er begegnet. Und ich bin froh, dass er nicht wirklich gestorben ist, obwohl er das in diesem Wirt wohl ist. Alles sehr aufwühlend.