T.I.M.E. Stories

Die Nervenheilanstalt

© SPACE Cowboys

Versuchsreihe II

 

Noah 2. Sitzung

 

»Können Sie näher beschreiben, wie diese Monster aussahen?« Dr. Petrow blickte in das starre Gesicht der Sphinx, Mr. Misrachi.

Wie üblich wartete der Doktor einen Moment ab, den sein Patient nicht zum Antworten nutzte und setzte seinen Monolog fort. »Gut, dann frage ich anders. Sahen die Monster denen aus dem Krieg ähnlich?«

Etwas bewegte sich in Misrachis Mimik. Darauf ließ sich aufbauen.

Sterile Fragen brachten Petrow nicht weiter. Sein Therapeutenherz blutete bei dem Gedanken die Seele seines Patienten gewaltsam aufzubrechen, doch es führte kein Weg daran vorbei. »Wie nannten Sie die die Sie jagten?«

Der Wüstenteufel presste die Lippen zusammen, doch seine Abwehrmechanismen schwächelten. »Wie jagten nicht.«

Bohrend sah Petrow seinem Patienten in die Augen. Er schob Stift und Klemmbrett auf seinem Tisch beiseite. »Einst gab es in Ihrem Land Christen. Nun nicht mehr. Wie würden Sie diese radikale Auslöschung beschreiben?«

Der Bass in Misrachis Stimme hatte etwas bedrohliches. »Selbstverteidigung.«

Petrow sah den Teufel schief an. »Seit wann gilt in die Enge drängen als Verteidigungsverhalten?«

Das Gerede von Krieg weckte die fremde Kriegsneurose. Die Sphinx zitterte wie bei einem schwachen Erdbeben. »Sie sind kein Soldat. Im Gefecht ist Angriff die Verteidigung.«

Genau diese Reaktion brauchte Petrow, um die Zunge des Teufels in Bewegung zu halten. Es war Zeit für die Brechstange. »Ich muss kein Soldat sein, um eines zu begreifen. Alle Veteranen mit erhöhter Tötungsrate berichten das Gleiche. Sobald sie aufhörten ihre Ziele als Menschen zu sehen, drückte sich der Abzug von alleine. Was sich unterscheidet ist allerdings was die Soldaten im Zielfernrohr sahen. Bei einem waren es Schweine, ein anderer hasste Hunde und wieder einer gab an Orks zu töten.«

Langsam zogen sich Misrachis Finger zu Fäusten zusammen. »Demütig bleibt nur der, der in einem Menschen immer einen Menschen sieht. Selbst wenn er seinem Feind die Eingeweide aus dem Bauch zieht. Nur so bleibt der Sieg auf der eigenen Seite.«

Mit melancholischem Blick nickte Petrow. »Wie poetisch. Ich verstehe, warum Ihre Männer Ihnen fanatisch folgten. Nun gut. Nehmen wir an, es waren echte Monster in der Nervenheilanstalt. Kurz bevor wir Sie herausholten, gingen Sie auf sie zu. Warum?«

Der Teufel knurrte. »Fragen Sie das meinen Wirt.«

Das Klemmbrett schabte über den Tisch. Petrow beugte sich vor und holte es sich zurück. »Ihr Wirt leidet unter schwerwiegenden Kriegsneurosen. Sein Wille wird es sicherlich nicht gewesen sein, Ihren gemeinsamen Körper auf die Monster zu zubewegen. Zumal sie eine Synchronisationsphase hinter sich haben. Also, warum? Suchten Sie einen Kampf?«

Abfällig schnaufte der Wüstenteufel. »Kämpfe bedeuten mir nichts mehr.«

Petrow hob fragend die Arme. »Was dann? Eine Möglichkeit zu sterben? Sie wissen, dass sie in der T.I. nicht sterben können.«

Misrachis Blick schweifte zum Fenster.

Der Doktor winkte ab. »Schon klar, der Tod bedeutete Ihnen nichts mehr. Ist es Ihnen wirklich so Wichtig, dass sie ein Feindbild haben?«

Plötzliche donnerte es auf den Schreibtisch und Petrow fiel beinahe aus seinem Sessel. Misrachi war aufgesprungen und stemmte sich mit ausgestreckten Armen auf den Tisch. Seinen Oberkörper beugte er so weit vor, dass er drohte nach vorn auf Petrow überzufallen. »Was wollen Sie von mir?!«

Das Tablet vor Petrow an der Tischplatte leuchtete rot, aber er schüttelte seinen Kopf in Richtung Kamera. Er sah seinem Aggressor in die unterlaufenen Augen. »Sie werden mir nichts antun. Sie können nicht.«

Misrachi brüllte und hob die Faust.

Die Tür öffnete sich und zwei Wärter stürmten herein. Petrow erhob die Hände und sah sie strafend an. Sie hielten sich zurück. Vorerst.

Die Sphinx versteinerte mit bedrohlichem Blick und erhobener Faust.

Petrow stand auf und umrundete den Schreibtisch samt Teufel. »Sie sind dabei sich zu verlieren, Mr. Misrachi.«

Er ging auf die Wärter zu und legte seine Hände auf die Schnellfeuerwaffen im Anschlag. Sie senkten sich. »Oder...« Petrow sprach weiter während er die Sicherheitskräfte durch die Tür hinaus schob. »...Sie sind gerade dabei sich neu zu finden.«

Eine schnelle Bewegung und der Teufel hatte sich in Kampfhaltung zu Petrow gewandt. »Halten Sie den Mund!«

Die Wärter blickten wieder zur Gefahrenquelle, aber Petrow schloss die Tür bevor sie wieder zu ihren Waffen griffen.

Schwer atmend wand er sich zu seinem Patienten. »Es ist bedauerlich. Weder können Sie mich verletzen noch ignorieren. Sie sind ein zerrissener Mensch, Mr. Misrachi. Nun stellt sich die Frage, ist die T.I. schuld an Ihrer Misere oder war es bereits vorher schon so?«

Der Patientenstuhl schepperte gegen die Fensterscheibe. »Sie wissen gar nichts!«

Ruhigen Gemütes stellte Petrow den Stuhl wieder auf seinen Platz. Er schlenderte zu seinem Sessel und setzte sich. Mit einer Handbewegung forderte er seinen Patienten auf, sich ebenfalls zu setzen. Doch aufbrausend atmend blieb die Sphinx an Ort und Stelle.

Petrow lehnte sich zurück und faltete die Hände vor dem Bauch zusammen. »Recht haben Sie. Ich weiß es nicht. Sie aber auch nicht. Nur wenn wir reden, können Sie es herausfinden und den andauernden Krieg in Ihrer Seele Frieden schenken. Es muss schwer für Sie gewesen sein. Die Kämpfe auf dem gesamten Erdball waren über Nach eingestellt. Für Sie gab es keinen Abschluss. Keinen finalen Kampf.«

Pirschend wie ein Wolf kam Misrachi näher. »Vielleicht sollte ich Sie töten und alle anderen hier ebenfalls. Es wäre mir ein Fest, diese Raumstation zu sprengen. Dann hätte ich meinen finalen Kampf. Würde mich das heilen, Doktor?«

Unbeeindruckt hob Petrow die Arme. »Wer weiß? Möglich. Nur sind Sie dazu momentan nicht in der Lage. Die abgefärbte Kriegsneurose macht Ihnen dabei einen Strich durch die Rechnung. Also, setzen Sie sich und lassen Sie uns darüber reden.«

Der Stuhl krachte erneut gegen die Scheibe. »Genug geredet!«

Petrow lehnte sich vor. »Ach ja? Noch habe ich kein Wort über Ihren Verlust gehört. Kein Wort zu dem, was Ihnen Ihr Feind genommen hat. Kein Wort darüber, warum Sie in Ihren Feinden Monster sehen. Aber ich weiß was es ist, worüber sie sprechen wollen. Liebe.«

Ein Mark durchdringender Schrei entfuhr dem Wüstenteufel. Er ballte die Fäuste und brüllte die Decke an.

Sicherheitskräfte stürmten hinein, doch Petrow bot ihnen mit erhobener Hand Einhalt. Sie gehorchten und warteten ab.

Misrachi nahm den Stuhl, stellte ihn wieder auf seinen Platz und setzte sich. »Reden Sie. Je eher wir ein Ende finden, desto schneller können die mich endlich hängen.«

 

Bald geht es weiter...

 

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Dein Viktor

 

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