T.I.M.E. Stories

Die Nervenheilanstalt

© SPACE Cowboys

Versuchsreihe I

 

Noah 1. Sitzung

 

»Ich habe getötet.« Dr. Petrow sah dem Patienten in die Augen und hoffte auf eine Reaktion, die seine Worte auslösten. Doch Noah Misrachis Gesicht blieb das einer starren Sphinx. Alt, verwittert und ohne Nase. Er hatte sie im Krieg verloren.

Dr. Petrow lehnte sich in seinem Sessel zurück. Das Leder knarzte. »Sind sie in der Nervenheilanstalt auf Félix Bonnenfant gestoßen? Ein Bär von einem Mann.« Mit einer ausladenden Geste verdeutlichte er die riesenhafte Gestalt. »Sie würden ihn sofort erkennen. Doch leider ist dieser eindrucksvolle Muskelberg geistig beeinträchtigt. Er leidet an einer ungewöhnlichen Form von Paranoia. Anstatt bei einem Anfall die Flucht zu ergreifen, schaltet sein Instinkt auf Angriff. Dem Pflegepersonal blieb nichts anderes übrig, als ihn ans Bett zu fesseln.«

Der letzte Satz löste eine Regung im Gesicht der Sphinx aus. Petrow glaubte Staub aus den Nasenhöhlen rieseln zu sehen. Mr. Misrachis Stimme bebte bassvoll. »Sie haben einen Wehrlosen getötet?«

Es war Dr. Petrows zehnter Versuch, diesen Sturkopf von Kriegsverbrecher zum Reden zu bringen. Er wollte sich seinen Patienten gegenüber frei von Vorurteilen verhalten, aber mit solch einer gutmenschlichen Frage hatte er nicht gerechnet. Nicht aus dem Mund des Wüstenteufels.

Der Panzer hatte einen Riss bekommen. Das musste Petrow ausnutzen. »Nein, so feige war ich dann doch nicht. Ich war Mr. Bonnenfant.«

Misrachi schien zu verstehen, wie diese Geschichte weiterging. Sein feindseliger Blick erhielt eine weitere Nuance der Verachtung.

Petrow versuchte auszusehen, als schwelge er in Erinnerungen. »Bonnenfant war der perfekte Wirt. Ich wollte wissen wie es sich anfühlt zu töten, wollte spüren wie das Leben aus einem Menschen entweicht, wenn ich meine Finger um seinen Hals schlinge.«

Die Sphinx schien beim zuhören weiter zu verwittern. Petrows Erzählung prallte an ihm ab, wie lauer Wüstenwind gegen ein Monument. Doch war es wie beim letzten Urlaub in Ägypten, als er in der Sandbrise zu der Statue aufsah. Der Doktor bildete sich ein, eine Veränderung in dem Gesicht zu erkennen. Eine sich steigernde Verachtung, die von oben herab einen immer länger werdenden Schatten warf. Für einen Moment überdachte Petrow seinen Ansatz, mit jedem Patenten ohne Handschellen zu arbeiten.

Bevor sich der Riss, der eine Kommunikation erlaubte, wieder verschloss, wollte er Misrachi weitere Gefühlsregungen entlocken. Und vielleicht auch ein paar mehr Worte. »Agent Ramires hatte die Güte mich bei meinem Unterfangen zu begleiten. Sie stieg in den Wirt von Mademoiselle Doume, einer verbitterten Nonne, die sich selbst einlieferte, um der entarteten Zivilisation zu entkommen.«

Misrachis Blick senkte sich. Die Kerbe schloss sich allmählich. Petrow musste sich beeilen. »Wie Sie sich vorstellen können, ist es deutlich einfacher einen Wirt zu kontrollieren, wenn er nicht geisteskrank ist. Agent Ramires, nun eine Nonne, ging zu mir, Félix Bonnenfant, in den Schlafsaal und löste die Fesseln. Während sie das tat, ließ sie dem Mundwerk ihres Wirts freien Lauf. Ich war erstaunt zu welch kreativen Beschimpfungen eine Geistliche sein kann und dazu in diesem Umfang. Bonnenfants Psyche konnten die Beleidigungen nicht erheitern. Seine größte Angst war es angesprochen zu werden. Die Flüche der Nonne zogen Bonnenfant in einen Strudel aus Panik, der mich mit sich ins schwarze Zentrum zerrte. Mit jedem Wort verstärkte sich der Sog und unsere Geister drohten auf ewig verschlungen zu werden. Ich ließ seine verwirrte Wahrnehmung gewähren und seine mächtige Faust verstümmelte das Gesicht der Nonne mit nur einem Schlag.«

Der Panzer war wieder nahezu Makellos. In seinen Augen konnte Petrow beobachten, wie er resignierte, weil er dem Kriegsverbrecher eine scheinbar für ihn alltägliche Situation aufschwatzte. Petrow musste einen Speer in den letzten Spalt stechen. »Ich weiß nicht, ob der erste Schlag sie bereits tötete. Agent Ramires konnte glücklicherweise noch rechtzeitig aus dem Wirt geholt werden. Ob ich wollte oder nicht, Bonnenfants Wahn hatte die Kontrolle. Die Nonne lag am Boden und ich setzte mich auf sie. Ich würgte sie und schrie, als wäre ich auf der Flucht. ›Verschwinde! Lass mich in Ruhe!‹

Ihr Gesicht war wie rote Grütze mit Fleischeinlage und ihr Hals knackte in meinen Händen.«

Gefühlslos starrte ihn Misrachi an. »Sie sind ein Monster.«

Petrow lehnte sich in seinem Sessel vor. »Interessante Aussage, in Anbetracht Ihrer Person. Wenn ich ein Monster bin, wie würden Sie dann einen Massenmörder und Volksvernichter bezeichnen, Mr. Misrachi?«

Sein Patient sollte sich angesprochen fühlen, tat es aber nicht. Stattdessen hielt er eine weitere Tatsache fest. »Vor allem sind Sie ein Lügner. Sie haben niemanden getötet.«

Der Verstand wollte aus therapeutischen Gründen die Geschichte aufrecht halten, doch die eigene Mimik und Gestik ließ Petrow im Stich.

Ein Hauch eines Lächelns legte sich auf die Lippen der Sphinx und verflog sogleich wieder.

Petrow lehnte sich erneut zurück und spielte mit dem Stift in den Händen. Am liebsten hätte er sich in den Sessel fallen lassen, aber er durfte die Oberhand nicht vollends verlieren.

Er musste seine Strategie anpassen und entschied sich für die Wahrheit. »Sie stand vor mir, die Nonne. Die Fesseln waren gelöst und Agent Ramires aus dem Wirt verschwunden. Ich ballte die Faust und spürte die Paranoia heranwachsen. Die Bedingungen waren perfekt, doch ich konnte nicht. Es war bereits mein dreißigster Einsatz in der T.I. und ich übernahm sofort vollständig die Kontrolle über Bonnenfant. Trotz der starken psychischen Erkrankung.«

Misrachi wippte mit den Füßen, trommelte leicht mit den Fingern auf den Oberschenkeln und sein Auge zuckte. Das war deutlich mehr Reaktion, als sich Petrow erhofft hatte. Die wahre Geschichte regte offensichtlich seine geistige Verstimmung an. Petrow schnappte sich sein Klemmbrett und notierte seine Gedanken. Mögliche Symptome von Kriegstrauma, ausgelöst durch neuronale Rückkopplung der T.I.

Im Augenwinkel sah er, wie ihn Misrache ungeduldig dabei beobachtete. Überraschend meldete sich die Bassstimme zu Wort. »Wie oft muss ich das noch machen?«

Erfreut über seinen Erfolg widmete sich Petrow wieder ganz seinem Patienten. »Wieso fragen Sie? Wollen Sie wissen, wie Sie die Kontrolle über Ihren Wirt erhalten können?«

Misrachis Abfälligkeit war kaum zu überbieten. »Nein. Es soll aufhören.«

Das war nicht die Antwort, die er sich erhofft hatte, aber Petrow musste nehmen was er bekam. Wie immer, wenn er mit der T.I.M.E. Agency zusammenarbeitete. Er faltete die Hände über dem Tisch. »Ist Ihnen die Todesstrafe lieber, als diese Studie?«

Der Kriegsverbrecher schnaufte verächtlich. Ein Rückfall in die Körpersprache.

Petrow musste zurückrudern und die Stimme seines Patienten wieder aktivieren. »Nun gut. Wie Sie wissen gehören Einsatze in der T.I. und darauffolgende Sitzungen mit mir zur Studie. Je stärker Sie kooperieren desto eher haben Sie die Versuchsreihe hinter sich und dürfen wieder zurück.«

Die Symptome des Kriegstraumas verstärkten sich und Misrachi missfielen diese fremden Körperreaktionen sichtlich. Er ballte die Fäuste und presste die Füße auf den Boden, damit das Gezappel aufhörte. Vergeblich. Der Patient sah aus dem Fenster und versuchte sich scheinbar so von den Erinnerungen seines Wirtes abzulenken. Petrow folgte seinem Blick.

Diese Aussicht hatte der Doktor bereits seit vielen Jahren, aber es war wie ein Kaminfeuer an dem er sich nie sattsehen konnte. Die weiten des Weltalls waren erschreckend und beruhigend zugleich. Wie Tautropfen auf einer Sommerwiese funkelten die Sterne am Firmament. Umherfliegende Raumschiffe waren wie Nektar sammelnde Bienen, die von einer Raumstation zur nächsten schwirrten. Eine dieser Blumen war die orbitale Gefängnisstation, von der Sie Noah Misrachi hergebracht hatten. Offensichtlich wollte Petrows Patient wieder nach Hause.

Der Doktor ging in die Vollen. »Was geschah in der Küche? Wieso sind Sie dort gestorben?«

 

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Lebe deine Leidenschaft,

 

Dein Viktor

 

Kommentare: 2
  • #2

    Meiduna (Montag, 04 Mai 2020 11:06)

    Die Geschichte ist wirklich spannend. Man braucht nicht lange um Neugierig zu werden
    Ich war schnell drin und wollte wissen was los ist.
    Mir sind zuerst die Namen der Charaktere aufgefallen. Sie sind ungewöhnlich genau wie das, was sie sagen. Man bekommt sofort ein Bild im Kopf.

  • #1

    Sippi (Montag, 04 Mai 2020 11:05)

    Ich verstehe anhand dieser ersten Szene nicht wirklich, wo ich bin, wer wer ist und was abgeht. Ich kenne T.I.M.E. Stories noch nicht. Ich bin sehr verwirrt von diesem Start in die Story. Ich
    habe nun das zweite Kapitel gelesen und verstehe mehr, aber immer noch nicht alles. Wo spielt das ganze und in welchem Jahrhundert?