T.I.M.E. Stories

Die Nervenheilanstalt

© SPACE Cowboys

Versuchsreihe I

 

Ruth 1. Sitzung

 

»Ich stand nackt vor ihm und…«

»Warten Sie. Ein Moment bitte.« Dr. Petrow musste ihren Redefluss unterbrechen. Sie gehorchte prompt. »Ms. Ruth Müller, ich bin nicht ihr Einsatzleiter. Sie sind mir keine Rechenschaft schuldig. Ihren Bericht haben Sie ja bereits abgegeben. Sehr vorbildlich übrigens. Kommen wir zurück zu dem, weshalb wir hier sitzen.«

Ms. Müller verfiel Ihrem alten Beruf und erschwerte Petrows Arbeit ungemein. Aufrecht, als wäre sie aufgespießt saß sie da und wartete auf klare Instruktionen. »Ms. Müller, wer sind Sie?«

Die Antwort folgte strickt. »Agentin Ruth Müller, Spion.«

Geschlagen senkte Petrow die Schultern. »Ms. Müller, an diesem Punkt waren wir bereits. Sie sind doch mehr als das. Sicherlich schlummern in Ihnen Wünsche und Sehnsüchte. Haben Sie Hobbies? Was macht Sie Glücklich? Wovor haben sie Angst?«

»Ein Spion hat keine…«

Pertrows erhobene Hand stoppte ihre Leier. Sie war wie ein Plattenspieler mit Sprung. »Schon verstanden. Ein Spion hat ein emotionsloser Roboter zu sein. Apropos Emotionen, schließen Sie bitte wieder Ihren Overall, Ms. Müller«

Den Spionageroboter schoss es aus seiner Programmierung. »Scheiße!« Hastig zupfte Sie an ihrem Dekolleté und schloss die obersten Knöpfe mit zittriger Hand. »Ich weiß nicht wie das passieren konnte. Seit dem Einsatz bin ich so…«

»Verwirrt?« Petrow stellte deutliche Spuren einer neuronalen Rückkopplung des T.I.s fest, aber Verwirrt war diese gute Dame bereits vor der Versuchsreihe. Dieses Wort benutzte er immer, wenn seine Patienten unter einer geistigen Beeinträchtigung litten.

Er beobachtete sie, während sie mit ihrer Kleidung beschäftigt war. Das Gesicht der bald vierzig Jährigen war streng und ihr Blick zielstrebig. Sie war straff, so wie auch ihr Zopf. Ihre Augen allerdings, sie waren zeigten, wie es wirklich in ihr zuging. Ruhelos schweiften sie umher und suchten etwas. Wahrscheinlich wussten sie nicht einmal wonach. Sie brauchte einen Anker und Petrow musste ihr einen geben. Aber zuvor musste er ihr Herz öffnen.

Petrow versuchte sie dort abzuholen, wo sie sich auskannte und was ihr Sicherheit gab. Bei der Mission. »Einsätze in der T.I. sind äußerst verwirrend, vor allem die erste. Da haben Sie Recht. Sind Sie sich trotz Gedankenverschmelzung immer noch Ihrer Aufgabe in dieser Studie bewusst?«

»Ja, Sir.«

Einladend hob er die Hände. »Dann, bitte.«

Stocksteif und mit gefalteten Händen saß Ms. Müller auf dem Stuhl und ratterte die Anweisung runter, die ihr Offizier Bob eingeflößt hatte. Die von denen sie glaubten sollte, dass es ihre Aufgabe war. »Für den Zeitraum der Studie sind wir Teil der T.I.M.E. Agency, aber trotzdem weiterhin Strafgefangene. Die Mission ist es einen Zeitriss zu verhindern. Mithilfe der Technik der Tachyon Insertion in Mayer Events werden Hirnaktivitäten durch ein Wurmloch in eine Paralleldimension gesendet. Dort werden die Hirnsignale von ausgewählten Personen empfangen, die Wirte genannt werden. Die T.I., Tachyon Insertion, ermöglicht eine Überlagerung des Geistes der Wirte mit denen der T.I.M.E. Agents. So kann Vorort die Bedrohungsquelle identifiziert und zerstört werden. Gelingt dies nicht, dann besteht die Gefahr, dass beide Dimensionen durch den Riss kollidieren.«

Petrow nickte. »Und wie sieht der Ihr Einsatzort und die dortige potentielle Gefahr konkret aus.«

»Die Paralleldimension ist eine Spiegelung unserer Welt, allerdings Zeitversetzt. Die Mission lautet: in einer Nervenheilanstalt im Jahr 1921 den Ursprung des Zeitrisses ausfindig zu machen und zu eliminieren.«

Wieder nickte Petrow. Bestätigung fokussierte offensichtlich ihren Verstand. »Nun die wichtigste Frage. Warum ist es Ihre Mission und nicht die der speziell dafür ausgebildeten Agents?«

Die Antwort war alles andere als befriedigend, für niemanden, aber sie spulte es gehorsam und gleichgültig ab. »Die Lokalisierung potentieller Wirte ist mit einer Reihe von Störfaktoren behaftet. Für diesen Einsatz ist es lediglich möglich die T.I. auf Patienten der Nervenheilanstalt anzuwenden. Aufgrund einer Rückkopplung der Hirnaktivität werden die Agenten geistig von ihren Wirten beeinträchtigt. Zum Schutz der T.I.M.E. Agents führen wir an ihrer Stelle die Mission aus. Das Konsortium nutzt im Zuge dessen, die Möglichkeit einer Studie zur mentalen Stabilisierung der Agents.«

Petrow nickte wiederwillig. Die Lüge musste sein. Mit diesem Satz versuchte er jeden Abend einzuschlafen.

Auf seinem Klemmbrett notierte er neben der Vorbemerkung ›gravierende Gedächtnislücken des letzten Spionageeinsatzes‹, ›Vollständige Erinnerung an Einzelheiten der Studie.‹

Er sah wieder auf und blickte in ihr erwartungsvolles Gesicht. »Wie geht es Ihnen heute?«

»Gut, Sir.«

Einige Sekunden lang beobachtete er ihre unruhigen Augen. »Hätte Ihr voriger Vorgesetzter eine andere Antwort als angebracht erachtet?«

»Nein Sir.«

Gedanklich schüttelte Petrow den Kopf. Ihm fiel es schwerer seine Gefühle im Zaum zu halten als seiner Patientin. Am liebsten würde er ihr seinen Mantel umschlingen und sie mit sich nehmen. Aber das half weder ihr noch seinem Schmerz.

Er musste sich wieder auf die Therapie konzentrieren. »Ms. Müller, wie viele Liebespartner hatten Sie bisher in Ihrem Leben?«

»Keine, Sir.«

Wie er es sich gedacht hatte. »Und wie viele Sexpartner?«

»Keine, Sir.«

Auch dies verwunderte ihn nicht. »Entschuldigen Sie bitte diese direkten Fragen. Eine letzte noch. Wie viele Männer und Frauen haben in der unseren Dimension bereits Interesse an einer Liebschaft mit Ihnen gezeigt?«

»Keine, Sir.«

Auf dem Klemmbrett erweiterte Petrow seine Strichliste zum Punkt ›Fehleinschätzungen‹. »Und wie erklären Sie sich, dass Sie in der Nervenheilanstalt Félix Bonnenfant von seinen Fesseln lösten, obwohl Sie wussten, wie gefährlich er war?«

»Er war in mich verliebt, Sir.«

 

Wie hat es dir gefallen? Lass es mich wissen und schreibe einen Kommentar!

 

Lebe deine Leidenschaft,

 

Dein Viktor

 

Kommentare: 1
  • #1

    Sippi (Samstag, 18 April 2020 20:23)

    Puh, die erste Sitzung von Ruth ist ja ganz schön tough. Jetzt verstehe ich besser, was die Strafgefangenen für eine Mission haben. Ich weiß noch nicht, wo wir gerade sind und welches Datum wir haben, vielleicht erfahre ich das ja noch später. Ich finde die Sitzung relativ informativ, weil ich einige Hintergrundinfos bekommen habe. Ich bin nun neugierig, mehr über die Studie zu erfahren.